Wie sieht das künftig sinnvolle Umgehen mit dem im Vorarlberger Rheintal unter besonderem Druck stehenden Gut „Grund und Boden“ aus? Darüber diskutierten am zweiten Abend der Energie Lounge 2017 Biolandwirt Simon Vetter, Innsbrucks Stadtplaner Christoph Andexlilnger, Architekturkritikerin Marina Hämmerle und Gerhard Humpeler, CFO der Julius Blum GmbH, ihres Zeichens größter Arbeitgeber am Standort Vorarlberg.

Ob das Publikum wisse, wo sich der fruchtbarste Flecken Land in Österreich und jener in Vorarlberg befänden, fragt Biolandwirt Simon Vetter eingangs seiner den Abend eröffnenden Keynote, in der er sich einer kritischen Betrachtung der Vorarlberger Siedlungsentwicklung widmet.

Die basiere zuallererst einmal auf einer groben Fehlannahme. Denn die großzügigen Baulandwidmungen der Fünziger- und Sechzigerjahre basierten auf der Prognose, dass Vorarlberg bis ins Jahr 2000 eine knappe Million Einwohner umfassen würde. Knapp über 350.000 waren es tatsächlich, und die daraus resultierende Diskrepanz ist wesentlicher Stein des Anstoßes: So seien in Vorarlberg zwar rund 40 Millionen Quadratmeter Bauland gewidmet, mangels deren Verfügbarkeit müssten jedoch täglich rund 1.300 Quadratmeter neu gewidmet werden. Nutzungskonflikte wären damit quasi vorprogrammiert.

Denn es fehle laut Vetter nicht nur an verfügbarem Bauland, sondern auch an hochwertigen Freiflächen zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung und Erholung gleichermaßen. Aus der dafür vorgesehenen Landesgrünzone sei jedoch eine Landesgrauzone geworden und der Umgang mit dem verbliebenen Rest eine zivilisatorische Nagelprobe. Und natürlich sei für ihn als Landwirt am Ende des Tages zentral, dass die Landschaft in Vorarlberg vitaler Lebensraum bleibe. Das jedoch ist in Österreich akut gefährdet, denn wird die Bodenversiegelung auf dem heutigen Niveau weiter geführt, gibt es in Österreich bis Ende des kommenden Jahrhunderts keinen Quadratmeter fruchtbare Ackerfläche mehr.

Energie Lounge 2017, Simon Vetter. Bildnachweis Darko Todorovic

Doch Vetter zeichnet nicht nur Dystopisches, sondern berichtet von studentischen Initiativen, die schlüssige Konzepte für die Nutzung und Nachverdichtung des Bestands in Vorarlberg entwickeln und von zivilgesellschaftlichem Engagement, wie dem Verein für Bodenfreiheit, der 2011 mit dem Ziel gegründet wurde, Freiräume in Vorarlberg dauerhaft zu sichern. Oder einem via Unterschriftenaktion eingeforderten Bürgerrat. Das seit kurzem in der Landesverfassung verankerte Instrument ermöglicht es, gesellschaftlich relevante Themenstellungen in einem zufällig aus der Bevölkerung zusammengewürfeltem Gremium zu behandeln und der Landespolitik zuzutragen. Und ebendieses Bürgergremium hat sich mit Fragen rund um den sorgsamen und vorausschauenden Umgang mit Grund und Boden beschäftigt.

Eine Idee zur Nutzung der verbliebenen Flächen bleibt Vetter in seinen Ausführungen übrigens auch nicht schuldig: Würde das gewidmete Bauland sinnvoll agrarisch genutzt werden, könnte die Vorarlberger Bevölkerung mit einem halben Kilo Kartoffeln täglich oder 20.000 Menschen voll versorgt werden.

„Ich bin der Meinung, dass ein Großteil der Entwicklung zum heutigen Wohlstand in Vorarlberg mit der Verfügbarkeit von Land verbunden ist.“ Für Simon Vetter ist die Verfügbarkeit von Grund und Boden nicht nur als Landwirt existentiell.

Neben den wachsenden Begehrlichkeiten um Grund und Boden skizzierte der Innsbrucker Stadtplaner Christoph Andexlinger die Verstädterung als wesentliche Herausforderung künftigen Siedelns. Bis 2050 würden weltweit rund zwei Drittel aller Menschen in urbanen Räumen leben. Und sogleich stellt sich die Frage, was denn Stadt überhaupt ist. Und wie sie sich zum Land abgrenzt. Und da liege zumindest einer von des Pudels Kernen, denn heute lasse sich Stadt von Land zumindest bei uns eigentlich überhaupt nicht mehr abgrenzen. Städtische Strukturen fänden sich überall und führten zu amorphen – also strukturlosen – Siedlungen.

Andexlinger vergleicht die Entwicklung der urbanen Räume mit einem Ei: im Mittelalter wären Städte hartgekochte Eier gewesen, mit einem klar abgegrenzten Kern und einem kompakten Umland. Mit der Zeit sei aus dem hartgekochten ein Spiegelei geworden, bei dem der Kern weicher wird und die Ränder ausfransen. Und heute wären die meisten urbanen Räume am ehesten mit einem Rührei vergleichbar. Das gelte insbesondere für das Tiroler Inn- oder das Vorarlberger Rheintal. Und ersterem hat Andexlinger eine Vision angedeihen lassen: Tirol City.

Energie Lounge 2017, Wolfgang Andexlinger, Bildnachweis Darko Todorovic

Im gleichnamigen Projekt hat eine Gruppe rund um Andexlinger die politischen Grenzen der 246 Gemeinden im Tiroler Inntal aufgehoben und das als Stadt dargestellt, was wie eine Stadt funktioniert. Entstanden ist mit der „Tirol City Map“ ein „Stadtplan“ des Inntals, in dem urbane Strukturen von der Downtown bis zum Central Park abgebildet sind. Dabei steckt in der augenscheinlich augenzwinkernden Visualisierung ein ernster Kern, nämlich die Frage, wieweit die gegenwärtigen kleinteiligen politischen Strukturen eine notwendigerweise großräumig angelegte Entwicklung überhaupt tragen können.

Gleichzeitig stellt Andexlinger fest, dass die Überwindung kleinräumigen politischen Denkens und Handelns per se noch keine Lösung darstellt. So würden auch innerhalb der Gemeinden noch fragwürdige Indikatoren zur Entwicklung des Raums herangezogen und zu viel über Kubaturen und zu wenig über Qualitäten diskutiert. Das Umprogrammieren von Flächen, das hochwertige Entwickeln von Freiräumen und das sinnvolle – nicht das ökonomisch optimierte – Nutzen von Flächen wären aus seiner Sicht zentrale Strategien für eine gute Siedlungsentwicklung.

„Das Gebaute, das Volle ist unkontrollierbar geworden. Für Leerräume gilt dies nicht; vielleicht sind sie der letzte Ort, wo Gewissheiten noch Sinn machen können.“  Christoph Andexlinger sieht das Potential künftiger Entwicklungen im Freiraum und zitiert Rem Koolhaas.

Was Andexlinger auch an einem Beispiel illustriert: Am Standort einer ehemaligen Tankstelle wurde ein Einkaufszentrum errichtet und mit einem Gymnasium überbaut. Diese ungewöhnliche Kombination hätte nicht nur Auswirkungen auf den Unterricht, der sich gezielt mit dem Thema Konsum auseinandersetzen würde, sondern im Rahmen eines Private-Public-Partnership-Modells die Schule in dieser Qualität und an diesem Standort überhaupt erst ermöglicht.

Energie Lounge 2017, Simvon Vetter, Marina Hämmerle, Harrald Gmeiner. Bildnachweis Darko Todorovic

Neben klugen Einzellösungen strebe die Stadt Innsbruck aber nach der guten Entwicklung von Zentren und Freiräumen. Eine Strategie, die Andexlinger auch für das Vorarlberger Rheintal empfehlen möchte. Das der erkenntlichen Ortsgrenzen verlustig gegangene Rührei müsse durch gezielte Kompaktheit und die sorgfältige Entwicklung von Zentren und Landschaft als langfristig lebenswerter Raum erhalten werden. Ob als Verbund einzelner Gemeinden oder als „Rheintal City“ ließ Andexlinger dabei offen.

Eine konkrete Vorstellung der Siedlungsentwicklung hat auch die Architekturkritikerin und ehemalige Direktorin des Vorarlberger Architektur Institut Marina Hämmerle. Sie stellt fest, dass Vorarlberg weitgehend ein urbaner Raum sei und wir uns auch dementsprechend verhalten würden. Nur bewusst wäre uns das noch nicht im vollen Umfang. Darin ortet sie auch die noch fehlenden Perspektiven in der Raumplanung – die sie im Gegensatz zu Simon Vetter noch nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt, aber durchaus stark gefordert sieht.

„Lassen wir die Einfamilienhausquartiere im Wesentlichen sein und entwickeln wir überregionale, hochverdichtete und qualitativ hochwertige Quartiere.“ Marina Hämmerle sieht im alleinigen Hochschrauben von Baunutzungszahlen keine zukunftsfähige Form der Nachverdichtung.

Die Herausforderungen lägen nicht nur im Erhalt, sondern auch in der qualitativ hochwertigen Entwicklung von Grün- und Freiflächen und insbesondere in der sorgsamen Nachverdichtung des Bestandes. Dem alleinigen Hochschrauben von Baunutzungszahlen kann Hämmerle wenig abgewinnen. Bestehende Strukturen müssten sorgfältig nachverdichtet werden, beispielsweise durch Auf- und Anbauten an bestehende Objekte. Darüber hinaus wären die Gemeinden gefordert, überregionale, qualitativ hochwertige und hochverdichtete Wohn- und Lebensräume zu schaffen – um das von Andexlinger angesprochene Rührei wieder zu sortieren.

Fürs Sortieren fühlt sich Gerhard Humpeler grundsätzlich zuständig. Als Finanzchef des Beschlägeherstellers Blum erstreckt sich der Wirkungsbereich aber eher auf die Küchen dieser Welt, als auf Grund und Boden. Letzteren jedoch braucht der größte Arbeitgeber in Vorarlberg zur Ausdehnung von Produktion und Verwaltung zuhauf.

Energie Lounge 2017, Gerhard Humpeler, Bildnachweis Darko Todorovic

Und auch wenn das Unternehmen eine aktive Bodenpolitik betreibe, um künftige Erweiterungen in Vorarlberg zu ermöglichen,  müsse die räumliche Entwicklung und der Ausgleich der Interessen als hoheitliche Aufgabe verstanden und wahrgenommen werden. Eine Priorisierung in der Flächenvergabe für Unternehmen will Humpeler keine Einfordern. Wesentlich sei am Ende des Tages eine möglichst hohe Planungssicherheit und Klarheit für jene Unternehmen, die sich zum Standort bekennen. Denn diese stünden vor der gleichen Herausforderung, wie der Wohnbau: hohen Grundstückskosten und Flächen, die nicht auf den Markt kämen. Über rund 10% Grundstücksreserven verfüge die Blum GmbH, die bestrebt sei, vor allem an bestehende Standorte angrenzende Flächen zu erwerben.

Dabei käme es durchaus auch zu Konflikten, die bislang immer erfolgreich gelöst werden konnten. Aber das sei auch Teil des Abwägens und Ausgleichens von Interessen, denn am Ende zögen alle am gleichen Strang.

„Es ist symptomatisch, dass einem Betrieb, der in Vorarlberg expandieren möchte, keine gewidmeten Flächen zur Verfügung gestellt werden können.“ Gerhard Humpeler über die von einer Bürgerinitiative verhinderte Umwidmung von Landesgrünzone in Betriebsgebiet, das der Erweiterung eines Vorarlberger Industriebäckers hätte dienen sollen.

Und übrigens: Unter dem Flughafen Wien Schwechat und auf dem Rankweiler Golfplatz. Wer hat’s gewusst?

 

 

Bildnachweis (alle Bilder dieser Seite): Darko Todorovic.