Standards und Limits oder alles schön freiwillig? Die Macht der Einzelnen oder Regeln für alle? Derzeit appellieren Politik und Fachleute im Klimaschutz noch immer überwiegend an das „gute Gewissen“. Das muss sich ändern, forderte Buchautor und Energiepolitik-Experte Michael Kopatz vom Wuppertal Institut am ersten Abend der Energie Lounge 2019. Und diskutierte anschließend darüber mit der engagierten Bürgerin Christiane Eberle, dem Unternehmer Gerald Fitz und dem Landtagsabgeordneten Adi Groß.

Michael Kopatz hat eine klare Botschaft: Der Weg in eine zukunftsfähige Gesellschaft gelingt nicht allein durch technische Effizienz. Und nicht durch noch mehr Wissen. Denn erstere suggeriere, der Konsum sei okay. Aber zu zweit auf 140 Quadratmetern zu wohnen, sei auch im Nullenergiehaus nicht okay. Und Zweiteres nähre nur die Schizophrenie.

Als solche bezeichnet Kopatz unter anderem die Tatsache, dass wir abends unseren Hund knuddeln, aber Billigfleisch aus brutaler Tierhaltung kaufen und das 99-Cent-Fleisch auf den 800-Euro-Grill werfen würden. Dass 80% der Menschen weniger Verkehr wollen, aber allein in Deutschland die Zahl der Autos ständig wächst. Dass 90% der Leute bereit sind, mehr Geld für Fleisch aus artgerechter Tierhaltung auszugeben, aber nur 2% das tatsächlich tun. Dass 91% fairen Handel sehr wichtig finden, der Marktanteil aber nicht über 1% liegt.

“Das 99-Cent-Fleisch auf den 800-Euro-Grill schmeißen: Das ist ein Widerspruch, den viele gar nicht bemerken.”
Michael Kopatz skizziert das Potential für soziale Innovation.

Diese Schere sei nur über die Verhältnisse zu ändern. Denn Verhältnisse prägen das Verhalten. Weshalb sich Kopatz für mehr Standards und Limits einsetzt, um den Konsumentinnen und Konsumenten komplexe Entscheidungen abzunehmen. Wie sich die Verhältnisse auf das Verhalten auswirken, illustriert Kopatz am Rauchen: Es sei noch nicht so lange her, da habe sich niemand Gedanken gemacht, in einem Auto zu rauchen, wenn gleichzeitig Kinder auf der Rückbank saßen. Heute sei das gesellschaftlich verpönt und das Rauchen insgesamt deutlich weniger positiv besetzt. Gelungen sei dies durch einen Mix an Standards und Regeln:

  • Die Verteuerung des Produkts
  • Pointierte Kampagnen zu den Folgen
  • Beschränkung der Werbung für Tabak und
  • das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden und der Gastronomie.

Höhere Standards nennt Kopatz daher auch als eine von zwei zentralen Strategien für eine Transformation hin zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Im Baubereich habe sich beispielsweise schon gezeigt, dass durch sukzessive höhere Standards die CO2-Emissionen gesenkt werden können. Die Bauleute müssten sich zudem nicht mehr mit der Entscheidung darüber belasten, auf welchem Energieniveau sie ihr Gebäude bauen oder sanieren möchten

Auch in der Landwirtschaft sieht Kopatz kein Problem darin, über ein Jahrzehnt lang EU-weit die Standards beispielweise in Tierwohl und Bodenbewirtschaftung sukzessive auf ein nachhaltiges Niveau anzuheben. Das gelte für alle und sorge damit für faire Rahmenbedingungen. Ein Wunsch, den am Ende der Veranstaltung auch Unternehmer Gerald Fitz geäußert haben wird.

“Im Gebäudebereich hat sich gezeigt, dass durch sukzessive erhöhte Standards CO2-Emissionen massiv gesenkt werden können.”
Michael Kopatz über Standards als eine Säule gesellschaftlicher Transformation.

Auch in der Automobilindustrie sieht Kopatz Potential, durch Standards Neuentwicklungen zu fördern: So würde er der Industrie ein Nullemissionsauto bis 2030 vorschreiben – aber keine Technologie dazu. Das überließe er der Innovationskraft der Unternehmen. Das würde den Wettbewerb und den Standort als innovativ und zukunftsfähig fördern, schließlich ließe sich die entwickelte Technologie exportieren.

Mitunter ergäben sich dadurch auch Absatzmöglichkeiten für effiziente Produkte, die schon lange entwickelt seien: Dass heute Staubsauger mit 800 Watt verkauft würden, läge an den Vorgaben der EU. Die Industrie hätte schon längst weniger leistungsstarke Staubsauger produzieren können, allein verkaufen ließen sich nur „ordentliche“ Geräte mit 2.000 Watt unter der Haube.  

 

Neben höheren Standards fordert Kopatz auch Limits. Die seien teilweise besonders einfach zu erreichen, weil man dazu schlicht gar nichts tun müsse. Also keine neuen Landebahnen bauen oder Betriebszeiten an Flughäfen ausweiten oder Straßen bauen. Oder Unterlassung zu üben, also zum Beispiel jene 57 Milliarden klimaschädlicher Subventionen in Deutschland auszusetzen. Im Übrigen glaube er nicht, dass es Demonstrationen pro Flughafenausbau oder kontra Tierschutz gäbe.

Den Vorwurf, damit in die Freiheitsrechte der einzelnen einzugreifen, lässt Kopatz aus zwei Gründen nicht gelten: Erstens gäbe es schon einmal keine Gesellschaft ohne Regeln und zweitens würden wir durch unser derzeitiges Verhalten künftige Generationen ja auch massiv in deren Freiheit beschränken.

“Einfach mal keine neuen Landebahnen. Ich glaube kaum, dass für den Flughafenausbau demonstriert würde.”
Michael Kopatz hält das Unterlassen für die einfachste aller großen Strategien.

Die kommen auch aufs Tapet, die künftigen Generationen, in Form der Fridays for Future nämlich. Und auch da wird Kopatz erneut deutlich, wenn jene zur Sprache kommen, die von den Jugendlichen erst Selbstbeschränkung und dann Demo fordern. Denn Kopatz stellt – vor dem Hintergrund seiner vorangestellten Thesen folgerichtig – politischen Protest über den privaten Konsumverzicht.

Also: Ja, man darf fliegen und gegen den Flughafenausbau protestieren. Und ja, man darf mit dem Auto fahren und gegen neue Straßen sein. Im Gegenteil: unpolitisch „öko“ zu sein, reiche nicht. Man müsse sich einmischen und für Standards und Limits eintreten. So würde man Reformerinnen und Reformern in der Politik die Arbeit erleichtern.

Das unterstreicht in der dem Vortrag folgenden Gesprächsrunde auch Adi Groß, zum Zeitpunkt der Veranstaltung noch Klubobmann der Grünen im Vorarlberger Landtag mit der etwas provokanten These, man dürfe die Klimapolitik nicht allein der Politik überlassen. Denn die sei derzeit gleich schlimm wie der Klimawandel selbst. Ein Grund dafür sei, dass die Betroffenen noch zu wenig zu sagen hätten: die Jugendlichen. Dabei wären sie besonders glaubwürdig in ihren Forderungen, hätten sie doch (noch) keine Interessen zu vertreten, außer ihrer Zukunft.

Ein wesentliches Problem im politischen Diskurs sei es, dass Klimaschutz in Konkurrenz zu anderen Zielen gesehen werde: allen voran zur Wirtschaft, aber auch zur Sozialpolitik. Was im Kern falsch sei. Wie auch die latente Gläubigkeit an die Technik, die es „schon richten werde“. Darum reiche es noch nicht, dass der Klimaschutz mittlerweile in der Politik angekommen sei. „Bleibt bloß auf der Straße!“ fordert Adi Groß von den Jugendlichen.

“Bleibt bloß auf der Straße!”
Adi Groß fordert von den Jugendlichen Durchhaltevermögen an den Fridays for Future.

Im Übrigen glaubt er nicht, dass eine gesellschaftliche Transformation ohne Weiteres vonstattengehe. Umstrukturierungen seien nicht für alle einfach. Umso wichtiger sei es, jetzt die Weichen zu stellen.

Die – redet er Kopatz das Wort –auch in Rahmenbedingungen münden müssten. So könne es nicht sein, dass Konsumentinnen und Konsumenten überfordert vor Regalen stünden. Man müsse sich fragen, warum es überhaupt gesundheits- oder umweltschädliche Produkte und Dienstleistungen gebe, die in Österreich mit 4 Milliarden Euro im Jahr subventioniert würden. Marktverzerrung als Gegenargument lässt Groß an dieser Stelle nicht gelten. Marktverzerrend sei höchstens, dass 7 Milliarden Euro an Kosten in Österreich durch das Auto verursacht, aber nicht von den Verursachern selbst getragen würden.

So fällt auch das Stichwort „Ökosteuern“ in der Diskussion – zum ersten Mal allerdings von Unternehmer Gerald Fitz. Der Vorstandsvorsitzende eines großen Vorarlberger Unternehmens fordert durchaus überraschend deutlich Standards und Limits für einen fairen Wettbewerb unter gleichen Bedingungen – wenngleich er das Engagement für Nachhaltigkeit in seinem Unternehmen nicht externen Zwängen geschuldet sehen will. Denn man könne als Unternehmer schon viel tun, wenn man möge.

Und das mit dem „mögen“ sei bei Haberkorn der Fall, denn Wettbewerbsvorteil würde sich aus dem umfassenden Bekenntnis zur Nachhaltigkeit keiner ergeben. Auch die Kunden würden das nicht einfordern. Treiber sei die eigene Grundhaltung und die würde sich in der Marke Haberkorn – und dabei insbesondere im Employer-Branding – schon sichtbar abbilden. So gäbe es praktisch kein Bewerbungsgespräch, in dem die Bewerberinnen und Bewerber nicht von sich aus auf das Thema Nachhaltigkeit zu sprechen kommen würden. Und die Fluktuation im Unternehmen sei wohl auch aufgrund dessen unterdurchschnittlich niedrig.

“Als Unternehmer kann man schon viel machen, wenn man mag.”
Gerald Fitz sieht sich als Unternehmer selbstwirksam.

Selbstkritisch wird Fitz im Gespräch, wenn die politische Einflussnahme von Unternehmen zur Sprache kommt. Denn natürlich schaue die Politik auf die Wirtschaft und Wirtschaftsstandort und Arbeitsplätze seien praktisch immer Killerargumente. Es gäbe aber auch engagierte Unternehmen mit progressiven Haltungen, die sich offensiver für ein nachhaltiges Wirtschaften im Wortsinn einsetzen müssten. Das sehe er auch als ausbaufähige Aufgabe seiner selbst.

Die persönliche Handlungsebene ausgereizt hat Christiane Eberle, die mit ihrer Familie am Projekt „Paris – Vorderwald“ teilgenommen hat. Im Projekt wollte die Energieregion Vorderwald wissen, ob in einer ländlichen Region schon heute ein mit den Pariser Klimazielen konformer Lebensstil erreichbar ist. Vier Wochen lang probierten 15 Familien aus, was die Weltpolitik in Paris beschlossen hat. Treiber zur Teilnahme der Familie Eberle waren die Kinder, die sich auch engagiert am Selbstversuch beteiligt haben.

Und auch wenn die Eberles schon vor dem Versuch nicht gerade gedankenlos durch den Alltag gewandelt sind, ließ sich Potential entdecken und heben. Das habe nicht wehgetan, weil das materielle Weniger mit mehr gemeinsamer Zeit einhergegangen sei. Auch habe die Familie viel Anerkennung erfahren für ihre Konsequenz. Die sei insbesondere in der Mobilität nicht immer leichtgefallen – in einer ländlichen Region ist man phasenweise dann doch auf das Auto angewiesen.

Und das war auch eine der zentralen Erkenntnisse der Eberles: In vielen Situationen habe es geholfen, miteinander zu reden und andere Lösungen zu suchen – bei der Frage nach dem Flug in die Ferien beispielsweise. Oder der Anschaffung von Kleidung. Oder der alltäglichen Mobilität. Um den Versuch vollends zum Alltag werden zu lassen, bräuche es aber – so ist sich Christiane Eberle sicher – noch einige geänderte Rahmenbedingungen.

 

Rückblick: Wolfgang Seidel | Bilder: Darko Todorovic

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Diese Veranstaltung wird im Zuge von GreenSan durchgeführt. GreenSan ist ein Projekt von Energieinstitut Vorarlberg, Energie- und Umweltzentrum Allgäu (eza!), Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA), Energieagentur Ravensburg, Energieagentur St. Gallen und der baubook gmbh. Es wird gefördert von der Europäischen Union im Rahmen von Interreg A-B-H.

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Zuletzt aktualisiert am 5. August 2020