Wie schauen Gebäude und Siedlungen aus, in denen „Klimaerwärmung“ ein durchaus erwünschter Zustand ist? Wie kann die Architektur dazu beitragen, dass es der Welt besser geht? Und wie ist es um die Resilienz der gegenwärtigen Wohn- und Siedlungsformen bestellt? Das diskutierten am dritten und letzten Abend der Energie Lounge 2019 Elke Krasny von der Akademie der bildenden Künste in Wien, Anton Stabentheiner vom „Haus im Leben“ in Innsbruck, vai-Direktorin Verena Konrad und VLV-Vorstand Robert Sturn.

„Critical care“ bezeichnet im Englischen die Intensivmedizin. Und gleichzeitig steht „Care“ für das Tragen von Sorge. Und bedeutet darüber hinaus auch „Wiederherstellung“. Ein Begriff also, der – so hält das Elke Krasny in ihrem Impuls fest – in besonderem Maße für einen neuen Zugang in der Architektur steht. Einen Zugang, der sich fragt, wie Architektur und Urbanismus dazu beitragen können, dass es der Welt wieder besser – oder etwas pragmatischer: zumindest nicht schlechter – geht. Einer Welt, die von allem ein bisschen braucht: Intensivmedizin, Pflege und Wiederherstellung.

Diese Perspektive ermögliche es, anders über Architektur nachzudenken. Sorge zu tragen, sei schließlich eine wesentliche Aktivität der Spezies Mensch. Sie beinhalte alles, was wir tun, um uns selbst, unsere Körper, unsere Welt zu erhalten, fortzusetzen, zu reparieren. Warum für Krasny ein solches „Andersdenken“ von Architektur notwendig ist? Die lange – ob aus technischer oder gestalterischer Perspektive – mit dem Geniebegriff verbundene Architektur habe sich als Ergebnis dessen stark mit der Pflege ihrer Unabhängigkeit beschäftigt, anstatt auf die Verbundenheit unter- und die Abhängigkeit voneinander zu achten. Was zu ändern Krasny von ihren Standeskolleginnen und –kollegen einfordert.

“Sorge zu tragen ist eine essentielle Aktivität der Spezies Mensch. Sie beinhaltet alles, was wir tun, um unsere Welg zu erhalten, fortzusetzen und zu reparieren.”
Elke Krasny über den Schlüsselbegriff “Care”.

Die von ihr im Frühjahr 2019 kuratierte und im Architekturzentrum Wien gezeigte Ausstellung „Critical Care“ zeigte daher 21 Beispiele, in denen Architekturschaffenden das Überwinden jener fast zur Abgrenzung mutierten Unabhängigkeit gelungen ist: Zum Beispiel eine Nachnutzung eines Möbelhauses in Sao Paolo, in dem in einem Raum für Kunst, Kultur und Sport eine soziale Ökologie in Sicherheit entstanden sei in einer Stadt, die nicht frei sei von Verbrechen und Gewalt

Oder Yasmeen Lari, Architektin aus Pakistan, die dem Stardenken und dem Gigantismus in der Architektur den Lehmbau entgegensetzte, indem sie den traditionellen pakistanischen Lehmbau-Bestand neuen Nutzungen zuführte und somit dem rein musealen Bewahren entzogen hätte. Dabei habe sich Lari stets die Frage gestellt, wie die Transformation von einer sehr CO2-intensiven zu einer CO2-freien Architektur gelingen könne.

Diese beiden und 19 weitere Beispiele aus Europa, Asien, Afrika und Amerika sind in einem Buch zur Ausstellung zu finden, das auch eine Quelle zur Auseinandersetzung mit Wissen aus dem neuen Urbanismus darstellt.

Elke Krasny bei der Energie Lounge 2019. Bildnachweis Darko Todorovic

Auch im zweiten Impuls steht das Tragen von Sorge im Mittelpunkt, von Anton Stabentheiner ergänzt um den Begriff der Achtsamkeit (denn die denke mehr in Potentialen und weniger in Defiziten), worum sich sein Konzept vom „Haus im Leben“ dreht.

Warum ausgerechnet „Haus im Leben“? Da das Leben überall stattfinde und wir uns mitten darin befänden, würde eben auch das Haus mitten im Leben stehen. Und so naheliegend der Gedanke eigentlich auch ist, macht die Erkenntnis darüber eben den Unterschied zwischen „normalem geförderten und sozialen Wohnbau“ und dem Haus im Leben aus.

“Was heißt Haus im Leben? Alles ist Leben. Und mitten darin befinden wir uns und stellen ein Haus hinein. In dem das Leben auch stattfindet.”
Anton Stabentheiner erklärt die Grundlage seiner Idee.

Wie können wir im Wohnbau für eine Erwärmung des Klimas – des sozialen nämlich – sorgen? Wie Begegnungen schaffen und gleichzeitig der Freiheit und Individualität Rechnung tragen? Architektur könne und müsse in diesem Spannungsfeld dafür sorgen, dass die Bewohner beim Verlassen ihrer eigenen vier Wände Räume des Gemeinsamen betreten würden. Im Haus des Lebens konkret eine Art Wohnzimmer, in dem sich Bewohnerinnen und Bewohner begegnen und kennenlernen würden. Handverlesene und soziokulturell sorgfältig gemischte Bewohnerinnen und Bewohner übrigens. Wodurch sich im Haus des Lebens eine feine Balance zwischen Bedarf und Potentialen einstellt, die zudem von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern austariert wird.

Im Haus des Lebens begegnen sich so Alte und Junge, körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen mit Alleinlebenden oder Familien mit Kindern, die sich mit Erfahrungen, Wissen, Fertigkeiten und Agilität gegenseitig aushelfen. Diese besondere Form betreuten Wohnens sorgt nicht nur für Wohlbefinden. Sie stiftet auch in hohem Maße volkswirtschaftlichen Nutzen. Jene zehn älteren Menschen, die im Haus des Lebens auf eine stationäre Betreuung in einem Pflegeheim verzichten können, ersparen der Öffentlichkeit 1,5 Millionen Euro an Kosten. Die Kosten für die Betreuung im Haus des Lebens wird über die Miete je Quadratmeter abgerechnet – wer eine größere Wohnung hat, trägt stärker zu den Betreuungskosten bei.

Anton Stabentheiner und sein "Haus im Leben"bei der Energie Lounge 2019. Bild: Darko Todorovic

Dabei ist angesichts des gemeinschaftlichen Raumangebotes eine große Wohnung gar nicht notwendig. Und auch wer gelegentlich Besuch bekommt, der für länger bleibt, kann eines der Gästezimmer im Haus mieten. Und wer seinen Kindern etwas Handwerkliches mitgeben möchte, kann das in der Werkstatt tun, in der es acht Akkuschrauber gibt, obwohl – schmunzelt Stabentheiner leicht verwundert – doch auch einer reichen würde.

So schlüssig die Idee rund um das Haus im Leben klingt und so erfolgreich das in Tirol und Wien bald über 500 Wohnungen zählende Projekt läuft, umso schwieriger sei es gewesen, Bauträger zur Umsetzung zu gewinnen. Bis nach Wien musste Initiator Stabentheiner pilgern, um dort einen aus der Tradition des genossenschaftlichen Bauens dem Gemeinsamen stärker verbundenen Partner für die Errichtung des ersten Haus im Leben in Tirol zu finden.

Es sei notwendig gewesen, einen Bauträger und einen Architekten zu finden, die um eine Idee herum zu bauen bereit und in der Lage gewesen seien, so Stabentheiner. Denn die meisten der genannten umbauten lediglich Luft. Zwar mit großzügiger Wohnküche, weil das eben alle machten, aber ohne den Bedarf ernsthaft zu erfragen. Und gerade wenn wir vor dem Hintergrund von Klimaschutz, Ressourcen und Leistbarkeit über das Wohnen nachdenken würden, müssten bestehende Konzepte umfassend hinterfragt und vernetzt gedacht werden. Auch über neue Konzepte, in denen statt das Fenster gekauft der Durchblick gemietet würde.  

“Wir betonieren vor allem um Nicht-Ideen herum.”
Anton Stabentheiner fordert mehr Orientierung am tatsächlichen Bedarf.

Den Horizont erweitern würde übrigens auch das Café Namsa, in dem Flüchtlinge einen Erstarbeitsplatz erhalten, ehe sie im Arbeitsmarkt unterkommen und in dem die Alten mit den Jungen zusammentreffen. Am Montag sei im Namsa Ruhetag, steht auf der Tür, da kocht dann halt jemand der Bewohnerinnen und Bewohner für alle, die keine Lust zum Selberkochen haben. „Das ist unsere soziale Kraftquelle. Da ist alles in Bewegung“, meint Stabentheiner. „Wie überhaupt in unserem Haus im Leben. Wir arbeiten nicht an einem idealen Zustand. Wir arbeiten am idealen Prozess.“

Verena Konrad bei der Energie Lounge 2019. Bild Darko Todorovic

Anton Stabentheiner ist – hat das Publikum zweifelsfrei festgestellt – ein engagierter Mensch. Und die brauche es, meint Verena Konrad, um die von Stabentheiner geforderten Kurskorrekturen in der Bauwirtschaft vorzunehmen. Wir würden immer in Zusammenhängen leben und arbeiten, weshalb Änderungen des Mutes und der Anstrengung bedürften. Und der gegenseitigen Unterstützung in diesen Korrekturen, die wir als Gesellschaft betreiben müssten.

Dabei dürften wir das genaue Hinschauen nicht vergessen und uns die konstruktive Kritik nicht versagen. Gleichzeitig müsse man auch eine bestimmte Großzügigkeit wahren, denn es könnten nicht alle alles tun, weshalb man sich gegenseitig unterstützen und an der Hand nehmen müsse. Wobei sie, sagt Verena Konrad, teilweise das Gefühl habe, wir würden uns im freien Fall befinden und gleichzeitig Angst vor dem Stolpern haben.

“Wir befinden uns im freien Fall und haben gleichzeitig Angst zu stolpern.”
Verena Konrad über den Mut zur Veränderung.

Dabei dürfe man nicht alles über einen Kamm scheren – wie nie übrigens. Denn wir seien alle Opfer und Täter zugleich. Die Bauwirtschaft unterliege ökonomischen Zwängen, die auch von der Gesellschaft mitverursacht wären. So wollten wir beispielsweise wertstabile Versicherungen, deren Gesellschaften in langfristig sichere Anlagen investierten, also unter anderem ins Bauen. So würden große Bausünden eben auch mit diesem Geld entstehen. Gleichzeitig würde die Bauwirtschaft mit dem in der Architektur negativ konnotierten Begriff des „Betongolds“ werben, damit wir unser Geld schließlich über nicht selten leerstehende Wohnungen stabilisieren oder gar vermehren könnten.

Sich diese Abhängigkeiten gegenseitig zu erklären und bewusst zu machen sei wesentlich – ebenso, wie nicht mit dem Finger auf eine einzelne Gruppe zu zeigen, die es zu richten habe. Denn auch die Gruppe der Architekturschaffenden sei keineswegs homogen, wie keine Berufsgruppe. Berufsgruppen können keine gesellschaftlichen Transformationsprozesse steuern. Das ist eine zivilgesellschaftliche Aufgabe und damit Aufgabe von Menschen: über ihre Teilhabe an demokratischen Prozessen, über ihr Konsumverhalten und ja, auch über ihre Beiträge für Gesellschaft durch Berufsausübung, aber nicht nur.

Sich von der Idee Sich von der Idee des individuellen Maximalwertes für alle zu verabschieden und es stattdessen für möglichst viele gut erträglich zu machen, sei eine kollektive Aufgabe. Denn wir seien das System, meint Verena Konrad. Es gäbe kein „von oben übergestülptes“ System. Das Bauen geschehe am oder innerhalb des freien Marktes, an dem wir alle teilnehmen und bestellen würden, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen – auch nach 200 Quadratmetern Wohnfläche. Dabei würde immer wieder die Frage auftreten, was mit jenen sei, für die dieser Markt kein Angebot liefere oder eben eines, das in krassem Widerspruch zur individuellen Lebenslage stünde.

Anton Stabentheiner und VLV Vorstand Robert Sturn bei der Energie Lounge 2019. Bild Darko Todorovic

Forscher Themenwechsel: Solidarität und Gemeinschaft seien auch in der Versicherung zwei tragende Säulen, erzählt Robert Sturn. Das „Bauen am Klima“ spielt wohl in wenigen Bereichen eine größere Rolle, als in der Gebäudeversicherung, denn die Kosten für vom Klima verursachte Schäden würden laut Sturn stetig ansteigen.

Zudem stiegen auch die versicherten Werte – wo früher Kartoffeln und vielleicht in Kühlschrank durch Wasser im Keller beschädigt wurden, sei das heute ein Büro, eine Sauna, ein Fitness- oder ein Multimediaraum. Wo ein Sturm früher ein paar Dachziegel zerschlagen hätte, sei das heute eine Photovoltaik- oder Solaranlage. Dabei würden schon einfache Mittel Gebäude resilienter gegen den Klimawandel machen (vier Tipps dazu finden Sie hier). Und gleichzeitig sei festzuhalten, dass ein umfassendes Schadensereignis wie ein Rheinhochwasser gar nicht vollständig zu versichern sei.

“Ein großes Rheinhochwasser ist gar nicht vollständig versicherbar.”
Robert Sturn sieht im Klimawandel eine große Herausforderung für seine Branche.

Dabei gerieten die Versicherungen auch in einen Zielkonflikt: Sie müssten darauf achten, wertstabil zu investieren und sich gleichzeitig fragen, was sie damit auslösten. Auch die Kunden würden immer öfter nachfragen, wo und wie deren Geld angelegt sei. Hier würde der Funke auch deutlich spürbar von den Jungen überspringen, an die Sturn eindringlich appelliert, das Feuer am Brennen zu halten und politisch und unbequem zu bleiben.

Das fordert Elke Krasny auch von der Architektenschaft, deren Handlungsspielräume vom Druck der Ökonomie und der technischen und rechtlichen Vorgaben eingeschränkt schienen. Die Architekturschaffenden sollten politischer werden, meint Krasny, sich stärker für den Erhalt von Gebäuden einsetzen und stärker an Ressourcen denken. Denn die Architektur sei ein ausgesprochener Zukunftsberuf, der für die kritische Auseinandersetzung mit dem Status quo prädestiniert sei. Es würde schließlich nie für die Vergangenheit oder die Gegenwart gebaut werden.

Volles Haus im Vorarlberg Museum auch am dritten Abend der Energie Lounge 2019. Bild Darko Todorovic

Rückblick: Wolfgang Seidel | Bilder: Darko Todorovic

Für die Fans taktiler Erlebnisse gibt es die Nachlesen zu den Energie Lounges auch in gedruckter Form, und zwar kostenlos in unserem Broschürenshop.

 

 


Diese Veranstaltung wird im Zuge von GreenSan durchgeführt. GreenSan ist ein Projekt von Energieinstitut Vorarlberg, Energie- und Umweltzentrum Allgäu (eza!), Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA), Energieagentur Ravensburg, Energieagentur St. Gallen und der baubook gmbh. Es wird gefördert von der Europäischen Union im Rahmen von Interreg A-B-H.

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Zuletzt aktualisiert am 5. August 2020