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Nachlese Energie Lounge III: Materialwende oder Materialdiät?

„Energieautonomie+ wird sichtbar“ – so lautete das Motto der Energie Lounge 2023. Am dritten Abend der Energie Lounge fragten sich vier hochkarätige Gäste: Braucht es eine Material-Diät, um die Materialwende zu schaffen?

Über 70% der industriellen Emissionen weltweit entstehen durch Stahl, Zement und Chemikalien. Schaffen Stahl, Zement und Co die Klimawende? Braucht es eine Materialwende oder gar eine Material-Diät? Wie der Umstieg von der linearen zur kreislauforientierten nachhaltigen Bauwirtschaft erfolgen muss beleuchteten an diesen Abend vier kompetente Gäste des Bausektors.

Tobias Ilg, Philipp Tomaselli, Martin Rauch und Anja Innauer über die Möglichkeiten einer nachhaltigen Baubranche. Foto: Darko Todorovic

Baustoff für Bettler und Könige

Zu Beginn des Abends widmete sich Martin Rauch, Geschäftsführer von Lehm Ton Erde in seinem Vortrag „Eine Bauwelt ohne Zement – geht das?“ der Frage, wie die Welt ausschauen würde, würden wir mehr reduzieren und weniger Energie im Bau verbrauchen. Und ließ uns an seinen Visionen zum Bauen mit Lehm teilhaben.

Ein kurzer Exkurs in die Vergangenheit stellte klar – Lehmbau ist auch in Europa eine traditionelle Bauweise. Bereits 1870 hatte sich Francois Cointeraux (S 22-23) etwa der Lehmbaukunst in Frankreich verschrieben: aus bloßer gestampfter Erde, gesund, ökologisch und feuersicher wurden zu der Zeit bereits dreigeschossige Gebäude errichtet.

"Früher hat sowohl der König, als auch der Bettler mit Lehm gebaut." Martin Rauch

Martin Rauch über die Möglichkeiten im Lehmbau. Foto: Darko Todorovic

Kleine Kreisläufe waren damals bedeutend, man nahm, was aus der Gegend kam, so Rauch. Im Zuge der Industrialisierung jedoch sei Lehm zum Baustoff der armen Leute geworden, nach dem Diktum „neu ist besser“. Daran würden sich auch die derzeitigen Kreisläufe der Bauindustrie orientieren.

Lehm kann sich sehen lassen

Immerhin ein Drittel der Menschen würde in Lehmhäusern leben – womit Lehm nach wie vor das wichtigste Baumaterial sei. Oft würde dieser aber – zu Unrecht – als bloßes Provisorium gesehen, bemängelt Rauch.

Dass Lehm sich jedoch auch in der Gegenwart sehen lassen kann und sich keineswegs hinter Fassaden zu verstecken braucht, zeigen eine Vielzahl an Beispielen. Sein eigenes Haus etwa. Oder ein Meilenstein-Projekte im Lehmbau, wie das Ricola-Gebäude: Einer Fabrik, die mit Stampflehm errichtet wurde, wobei ausschließlich Rohmaterialien aus einem Umkreis von 8 Kilometern verwendet wurden. Aber auch das Allnaturagebäude, bei dessen Errichtung stolze 12 Lehmelemente übereinandergestellt wurden. Ebensolche vorgefertigten Elemente werden auch für den urbanen Kontext relevant werden, ist Rauch überzeugt.

Seit 2012 ist Rauch übrigens an der Entwicklung von Werkzeug für Lehmbau beschäftigt. Seine Devise lautet:

"Nicht das Material soll man verändern, sondern das Werkzeug. Da kann man noch sehr viel entwickeln, das ist wie nicht geackerter Boden!" Martin Rauch

Und der größte Nachteil von Lehm? Dieser sei schlicht relativ teuer, weil mitunter die Arbeitskraft in unserem Breitengrad extrem hoch bewertet sei.

Vielzahl an Möglichkeiten in Baubranche

Beeindruckt vom Beitrag Lehm zu Materialwende, zeigt sich Philipp Tomaselli, Geschäftsführer Tomaselli Gabriel Bau. Und ist überzeugt davon, dass es in der Baubranche einen ökologischen und nachhaltigen Wandel braucht:

"Es braucht eine Materialwende UND eine Materialdiät. Und wir müssen Strukturen schaffen, die über mehrere Generationen halten, mit denen man Nutzungsänderungen begegnen kann." Philipp Tomaselli

Philipp Tomaselli ist fasziniert von der Vielzahl an Gestaltungsoptionen in der Baubranche. Foto: Darko Todorovic

Was ihn am Bauen fasziniere, sei die Vielzahl an Gestaltungsmöglichkeiten, die ihm zur Verfügung stünden. Und erwähnt in diesem Zusammenhang das Beispiel Beton: Eine Möglichkeit, klimaschonender zu werden, sei es nämlich auch, den richtigen Beton für die richtige Anwendung zu finden. So geschehen vor rund 2 Jahren beim Bau des Bauhofs der Stadt Bludenz. Gemeinsam mit Concrete 3d, das in Götzis Beton druckt, wurden schlankere Betonteile ohne Schalung umgesetzt – und so ein Drittel an CO2 gespart.

Planung als wesentlicher Faktor

"Gut durchdachte Planung ist der erste Schritt für Nachhaltigkeit. Ein Gebäude muss dauerhaft und langfristig funktionieren." Anja Innauer

Für nachhaltige Nutzungskonzepte sei es unabdingbar, smarte Strukturen eines Gebäudes zu forcieren und gleichzeitig ästhetischen Geltungsansprüchen gerecht zu werden, ist auch Anja Innauer, Mitgründerin und Architektin bei nona Architektinnen sowie Vizebürgermeisterin von Bezau, überzeugt. Sanierungen seien unter Architekt*innen mitunter oft nicht unbedingt im selben Ausmaß prestigeträchtig wie Neubauten. Das – nicht immer ganz unkomplizierte – Wiederverwenden von Materialien sei den nona Architektinnen jedoch ein wichtiges Anliegen.

Anja Innauer über smarte Planung als ersten Schritt zur Nachhaltigkeit. Foto: Darko Todorivic

Beim Umbau eines nahezu 100 Jahre alten (Kindergarten-)Gebäudes ist mittels Wiederverwendung von Materialien jedenfalls ein Vorzeigeprojekt gelungen, das auch emotional in der Gesellschaft positiv bewertet worden sei.

Von Biokohle zu Klimabeton

Tobias Ilg vom EnergieWerk Ilg, Energielandwirt und Obmann des Biomasseverbandes Vorarlberg, plädiert dafür, das zu nutzen, was wir vor der Haustüre vorfinden – nämlich Holz. Betont allerdings:

"Wer an Holzbau denkt, muss auch an Biomasse denken." Tobias Ilg

Denn, so Illg, würden wir Holz verbauen, würden dreiviertel Biomasse anfallen - nutzbar sei nur der Rest.
Sein Unternehmen verbrenne Holz in zwei Holzkraftwerke, wodurch klassische Pflanzenkohle entstünde. Ein klassischer CO2 Speicher also, der wieder in die Erde gebracht werden könne. Für Humusaufbau etwa, führt Ilg weiter aus, allerdings nicht nur: CO2 könne mittlerweile auch Beton beigemischt werden. Was aufzeige, der 40-50 % CO2 reduziert ist.

"Das Potenzial ist so riesig, dass Baustoffe sogar CO2 negativ produziert werden können." Tobias Ilg

Tobias Illg plädiert dafür, weniger zu bauen. Foto: Darko Todorovic

Als klimafreundlich würde er in diesem Zusammenhang nicht sprechen, es sei lediglich weniger umweltschädlich. Allerdings sei mittlerweile auch die Herstellung von klimapositivem Beton möglich. Das Klima ließe sich natürlich nicht retten indem wir alles zubetonierten, betont Illg jedoch. Sein Appell:

„Nicht alles mit Klimabeton bauen – weniger bauen!“ Tobias Ilg

„Zu schnell, zu viel, zu wenig gut“

Dem pflichtet auch Anja Innauer bei, die kritisiert, dass auch in Vorarlberg „zu schnell, zu viel, zu wenig gut“ gebaut würde und Re-Use nur zu oft am Kostenthema scheitern würde. Dass dabei viel zu viel CO2 produziert werde, scheint gemeinsamer Konsens der Runde.

Tomaselli ist überzeugt, dass Materialien aus dem Bestand entnommen werden müssen:

„Wenn sich eine Bauteilbörse in Vorarlberg entwickeln würde, wäre das wirklich spannend.“ Philipp Tomaselli

Dafür müsse man sich aber damit auseinandersetzen, wie das, was gebaut wird in Zukunft dekonstruierbar und wiederverwendbar werden wird, führte Martin Rauch an. Und nicht nur darauf achten, dass wir "weniger Schaden anrichten," wie Illg ergänzt. Denn mit ökologischem Bau würde ja nur „weniger Schaden“ angerichtet. Die wichtige Frage sei jedoch:

„Wie können wir das Klima retten? Die eine Geschichte ist das mit der Dekarbonisierung. Aber: das, was ich nicht baue, macht am wenigsten Schaden.“ Tobias Illg

Von Regulierungen & Richtlinien

Wir würden in einem Land voller Regularien leben, eingezwängt in einer Betonnorm, die sicher in der Vergangenheit eine starke Zementlobby hatte, ist Tobias Illg überzeugt.

Martin Rauch sprach sich für Klimaschutz über Kosten aus: Eine Empfindliche CO2 Bepreisung etwa würde für Regulierung sorgen, ist er überzeugt – würde jemand beispielsweise Betonzwischenwände einbauen, die statisch nicht notwendig wären, müsste man dies zusätzlich besteueren. Davon ist auch Tomaselli überzeugt und bemängelt:

"Wenn man bequem Geld machen kann, ist der Leidensdruck für Veränderung zu gering." Philipp Tomaselli

Motivation für die erforderliche Veränderung versucht die Marktgemeinde Bezau seit 2021 über ein Pilotprojekt zu erwirken, erläutert Anja Innauer: Die Gemeinde hat mit dem Pilotprojekt „Bauen und Energie“ Richtlinien geschaffen, die hauptsächlich über Anreizsysteme, ökologisches, verdichtetes Bauen, erneuerbare Energiegemeinschaften etc. fördern.

Impressionen des Abends

Fotos: Darko Todorovic

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