Bei der Beantwortung der Frage, ob ein altes Gebäude abgerissen oder saniert werden soll, spielen neben dem Nachnutzungspotential und der Wirtschaftlichkeit vor allem auch bauphysikalische Aspekte eine wichtige Rolle. Anhand einer Baustellenbesichtigung wendeten sich die Mitglieder der Plattform Partnerbetrieb Traumhaus Althaus genau diesen bauphysikalischen Aspekten zu – vom Keller bis zum Dach direkt am Praxisbeispiel.

 
 

Zum Hintergrund
Das Pfarramt Wolfurt wurde im Jahr 1886 errichtet, 1960 “modernisiert” und innen in den 80er Jahren geringfügig umgebaut. Es wurde sowohl als Pfarrbüro als auch als Pfarrwohnung genutzt, bis schließlich 2016 nach der Pfarrwohnung auch das Büro ausgesiedelt wurden. Grund war die schlechte Beheizbarkeit, teils massive Feuchteschäden in Verbindung mit Schimmelbildung und auch der mangelnde Schallschutz zwischen den Räumen und Geschossen, der heutigen Anforderungen an Wohn- und Büroräume nicht mehr entspricht.
Die Pfarre Wolfurt ist sehr aktiv und findet selbst mit dem in den 80er Jahren zusätzlich errichteten Pfarrheim kein Auslangen mehr. Verschiedene Überlegungen, was mit den beiden bestehenden Immobilien geschehen soll, wurden angestellt. Geprüft wurden unter anderem ein Neubau des Pfarramts an derselben sowie an anderer Stelle oder die Aufstockung des Pfarrheims mit Brachlegung oder Umnutzung des Pfarramts.

Um überhaupt die Sanierbarkeit des Pfarramts beurteilen zu können, wurde die Firma Spektrum mit einem bauphysikalischen Gutachten beauftragt. Auf Grund folgender Aspekte entschied sich die Pfarre schließlich für eine Sanierung:
– positive bauphysikalischen Beurteilung,
– schönes altes Ensembles (Pfarrhaus, Friedhof, Kirche), das erhalten bleiben soll 
– Nachhaltigkeitsüberlegungen der e5 Gemeinde Wolfurt sowie der Diözese Feldkirch (Enzyklika “Laudato si” von Papst Franziskus)
– bei den selben Kosten steht ein Neubau mit 150 m2 Nutzfläche einer Sanierung mit 250m2 Nutzfläche samt Keller und Dachboden gegenüber

Ziel ist, das Pfarrhaus durch die thermische Sanierung mit möglichst nachhaltigen Produkten und der Versorgung mit erneuerbarer Energie (Wärmepumpe + 5,4 KWp PV-Anlage) auf den neuesten bautechnischen Stand zu bringen. Die Ausführung soll dabei möglichst hochwertig und wartungsarm sein. Außerdem soll die Belichtung durch größere Fenster und eine Beleuchtung auf LED-Basis maßgeblich verbessert werden. Es wird eine ‘Mustersanierung’ laut Förderaktion des Klima- und Energiefonds der österreichischen Bundesregierung angestrebt.

Auf den Punkt gebracht:

  • Führung durch die Baustelle des Pfarramt Wolfurt aus bauphysikalische (Karl Torghele) und planerischer Sicht (Andrea Vogel-Sonderegger):
    Zwei grundsätzliche Fragestellung galt es zu beantworten:
    – Ist die Substanz und Konstruktion durch die Feuchtigkeit so geschädigt, dass eine Sanierung technisch und/oder wirtschaftlich möglich oder sinnvoll ist?
    – Kann die Nutzungstauglichkeit nach der Sanierung in Bezug auf Schadstoffe, Behaglichkeit und Bauakustik sichergestellt werden und durch welche Maßnahmen?

    Keller
    Problem:
    Das Mauerwerk aus Naturstein weist erhöhte Feuchtigkeitswerte, Aussinterungen und Putzabplatzer auf Grund eindringender Nässe auf.
    Maßnahmen:
    Trotz außenseitiger Freilegung, Dämmung (17 cm natureplus zertifizierte Holzfaserdämmung im Hohlboden) samt vertikaler Abdichtung kann die Trockenheit des Kellers auf Grund kapillar aufsteigender Feuchtigkeit nicht sicher gestellt werden. In vielen Bereichen im Inneren ist das erdberührende Mauerwerk nicht zugänglich und Feuchtigkeit kann weiterhin – wenn auch reduziert – eindringen. Der zu betreibende Aufwand, um dies komplett zu verhindern, ist nicht vertretbar. Daher bleibt die Nutzbarkeit des Kellers auch nach der Sanierung eingeschränkt.

    Erdgeschoss
    Problem:
    Im Büro/Archiv sind an der Außenecke (Ost-Fassade) Putzschäden und Schimmelbildung vorhanden. Ursache dürfte ein Wassereintritt über Putzschäden in der Fassade bzw. der Sockelausbildung sein. An der West-Fassade kommt es zu Wassereintritt im Bereich der Fensterbank durch Schäden an der aus Sandstein bestehenden Fensterbank.
    Maßnahmen:
    Dämmung mit 22 cm Hanffaserdämmplatte (österreichisches Umweltzeichen), Kalkdickschichtverputz, Erneuerung der Fensterbänke und der Fenster mit 3-fach Wärmeschutzverglasung mit U-Wert gesamt <0,8 W/m2. Zur Verhinderung von Wärmebrücken werden sie in die Dämmebene an das Mauerwerk gesetzt.

    Obergeschoss
    Problem:
    Im WC (NO-Ecke) ist ein alter Wasserschaden erkennbar, der teils massive Schäden an den Bauteilen verursacht hat. Im Schlafzimmer sind an der Außenecke Schimmelflecken – wahrscheinlich verursacht durch Oberflächenkondensat – erkennbar.
    Maßnahmen:
    Außenwand und Fenster dämmen wie das EG; die Dampfsperre der obersten Geschoßdecke kann durch den Innenputz luftdicht angeschlossen werden.

    Dachgeschoss:
    Problem:
    Der kalte, durchlüftete Dachraum weist bis auf Schäden am Kamin auf Grund von Aussinterung keine Schäden auf.
    Maßnahmen:
    In die oberste Geschossdecke zum Dachboden wird ca. 43 cm naturplus zertifiziert Zellulosedämmung eingeblasen; der Dachraum bleibt kalt.

  • „Was motiviert die kath. Kirche in Vorarlberg zu Nachhaltigkeit und Bestandssanierung“
    Herbert Berchtold, Ordinariat/Bauamt Diözese Feldkirch
    Es gibt drei Gründe für die Sanierung und den Bestandserhalt in der Kirche:
    1. Wir sind der größte Besitzer von Gebäuden im Denkmalschutz in Vorarlberg. Entsprechende gesetzliche Regelungen geben hier den Rahmen vor. So dürfen z.B. Schäume grundsätzlich nicht verwendet werden. Die Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt ist sehr gut und wir sind oft froh über das Verständnis für alte Gebäude und die Unterstützung.
    2. In seiner zweiten Enzyklika “Laudato si” ruft Papst Franziskus ausdrücklich zum Umwelt- und Klimaschutz auf und zeigt bestehende soziale Ungerechtigkeiten und die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen auf.
    3. Die Situation in den Pfarren und deren Haltung zum Thema Nachhaltig ist individuell. Die Pfarren überlegen sich ihren Bedarf und müssen nach ihren finanziellen Möglichkeiten und der bestehenden Struktur und Funktion entscheiden. Die Tendenz geht hierbei zum Erhalten, obwohl objektiv ein Neubau manchmal die bessere Lösung wäre. Dies auch deswegen, weil seit langem bestehende Gebäude über ihre Funktion hinaus auch lokale Identität schaffen. Sanierungen in den 50er und 60er Jahren mit den damaligen Disperionsfarben und Putzen sowie falschen Heizungen haben viele Probleme, vor allem bei historische Kapellen und Kirchen, erzeugt. Diese Materialien sind mittlerweile fast flächendeckend ersetzt. Die “alten”, historischen Materialien unterstützen die funktionelle Symbiose aus Struktur und Nutzen der Gebäude wieder, was auch als Beitrag zur Nachhaltigkeit gesehen werden kann.
  • „Fenster in der Denkmalpflege am Beispiel Pfarramt Wolfurt“
    Dietmar Wüstner, Böhler Fenster Wolfurt
    Die Firma Böhler hat ein Produktionsverfahren entwickelt, mit dem Fenster mit sehr schlanken Ansichtsbreiten hergestellt werden können (8 mm weniger wie sonst am Markt erhältlich). Dies trägt nicht nur dem Wunsch vieler Architektinnen und Architekten Rechnung, sondern bietet vor allem auch im Denkmalschutz gute Lösungen. Dort wo notwendig, können sogar noch schlichtere Ansichtsbreiten realisiert werden – klar bei verringerter Energieeffizienz – dafür jedoch mit autentischen Kitansichten und einer sichergestellten Entwässerung. Die Firma verwendet ausschließlich wasserlösliche Lacke aus dem Grund, weil Holz ein natürliches Material und deswegen “lebendig” ist in seinem Verhalten. Der wasserlösliche Lack geht hierbei sozusagen mit. Lösungsmittel im Lack machen ihn hingegen starr, sodass er mit der Zeit reißt und die Haltbarkeit des Fensters verringert.

 

Fazit:
Eine Pauschalaussage über den bauphysikalischen Zustand eines Gebäudes kann nicht gemacht werden. Auftretende Schäden gehören begutachtet. Jedoch können die meisten bauphysikalischen Probleme wie in diesem Fall beschrieben (Wasserschäden, Schimmel) durch eine thermische Sanierung größtmöglich beseitigt werden. Feuchte Keller auf Grund erdberührender Bauteile können mit vertretbarem Aufwand meist nicht trockengelegt werden. Sie bleiben in der Nutzung eingeschränkt.

Stimmen:

Andrea Vogel-Sonderegger

“Gerade bei solchen Gebäuden ist es wichtig, die Kostenposition ‘Unvorhergesehenes’ großzügig zu bemessen. Beim Pfarramt musste die gesamte Entwässerung aufwändig neu gelöst werden, was erst in der Bauphase ersichtlich wurde.” Andrea Vogel-Sonderegger, Planerin

 

Karl_Torghele_Spektrum

 

  “Schimmelflächen in der Größe von 200 cm2 sind noch chemisch behandelbar. Danach gilt es als großer Befall und man muss sich die Ursachen genauer ansehen.” Karl Torghele, Spektrum

 

Philipp_Hofer_Röfix

 

“Eine tolle Gelegenheit, so ein Gebäude in dieser Phase anschauen zu können!” Phillip Hofer, Röfix

 

 

 

 

Diese Veranstaltung wird im Zuge von GreenSan durchgeführt. GreenSan ist ein Projekt von Energieinstitut Vorarlberg, Energie- und Umweltzentrum Allgäu (eza!), Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA), Energieagentur Ravensburg, Energieagentur St. Gallen und der baubook gmbh. Es wird gefördert von der Europäischen Union im Rahmen von Interreg Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein und der Energieautonomie Vorarlberg.

leiste_interreg_eu_ch_kantone_logo

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Zuletzt aktualisiert am 21. August 2018