Bitte um Rückruf

"Lieber ein paar Wenige ordentlich erzürnen, als alle ein bisschen..."

Kraft seines Amtes, in Gremien und auf Podien hat der Mäderer Bürgermeister Rainer Siegele die Energiepolitik des Landes mitgeprägt. Im Frühjahr hat er sich von der öffentlichen Bühne in den Ruhestand verabschiedet. Wir haben mit ihm im Schnelldurchlauf über 35 Jahre Einsatz für die Nachhaltigkeit gesprochen.

Markus Gmeiner
Von 1993 bis 2024 wirkte Rainer Siegele an dieser Stätte, dem Gemeindeamt Mäder.

max50: Lieber Rainer, wir schlagen vor: Fangen wir das Gespräch von vorne an, wenn du dich noch daran erinnern kannst! 

Rainer Siegele: Doch, das geht schon noch. Ich war vor meiner Zeit in der Politik in der Agrarbezirksbehörde für das bäuerliche Siedlungswesen zuständig. Im Vorfeld der Gemeindewahlen 1985 wurde ich gefragt, ob ich mein Wissen nicht im Bauausschuss einbringen wolle. Und da bin ich auf Platz 27 auf der Liste eingestiegen, später dann in die Gemeindevertretung nachgerückt und Obmann des Bauausschusses geworden. In der Gemeinde war es damals dank streitbarer Opposition durchaus lebhaft und für meinen Vorgänger sehr schwierig. Als er sich zum Rücktritt entschloss, wurde ich zu seinem Nachfolger gewählt. Ich war als Bauausschussobmann auch mit der Opposition immer sachlich und meist konstruktiv unterwegs.

Als ich 1993 Bürgermeister wurde, habe ich von meinem Vorvorgänger zwei Ratschläge mitbekommen. Erstens: Lieber ein paar wenige ordentlich erzürnen als alle ein bisschen. Und zweitens: die Lacher auf deine Seite haben. Das ist mir – glaube ich – ganz gut gelungen.

Du musstest relativ früh zwei große Bauprojekte stemmen, die den Weg der Gemeinde hin zu einer Umweltmustergemeinde vorgezeichnet haben.

In Mäder war der Weg zur Nachhaltigkeit immer schon gut vorgezeichnet. 1984 wurde ein Flurgehölzplan erstellt, den man heute problemlos als Basis zur Klimawandelanpassung hernehmen kann. Aber die Situation damals war so: Wir brauchten Mitte der Neunziger einen neuen Gemeindesaal und eine neue Schule. Den Saal haben wir zuerst gebaut, weil wir wussten, dass wir uns beide Gebäude eigentlich nicht leisten konnten. Als wir dann ein Jahr später wegen der Schule zum Land kamen, konnte da niemand sagen, dass wir die Schule nicht bauen dürfen. Umgekehrt wär’s wohl so gewesen.

Markus Gmeiner
Der J. J. Ender Saal ist regelmäßig zentraler Treffpunkt in der Gemeinde.

Das ist jetzt mal eher schlitzohrig als ökologisch…

Ökologisch war das schon auch. Und dabei geholfen hat uns der damalige Umweltminister Bartenstein, der den Preis für eine Tonne CO2 mit 5.000,- Schilling (rund 363,- Euro, Anm.) bewertet hat. Und weil wir gesagt haben, die öffentliche Hand darf keinen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten, haben wir bei der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung der Heizung die CO2-Emissionen mitberechnet. Mit dem Ergebnis, dass wir sehr energieeffizient, ökologisch und erneuerbar beheizt gebaut haben. 1998 und 1999 haben wir dann in der Gemeinde den Beschluss gefasst, ein ökologisches Beschaffungswesen einzuführen und hohe ökologische Standards für neue Gemeindegebäude. Damals standen keine aktuellen Bauprojekte mehr an, da ging das gut durch. Sowas darf man sowieso immer nur dann beschließen, wenn aktuell nichts Einschlägiges ansteht.

Mäder hat in Relation zu seiner Größe wohl die aktivste Bodenpolitik im Land betrieben. Warum?

Weil wir uns dadurch viel Spielraum buchstäblich erkauft haben. Wir konnten oft gut mit Bauträgern über Baustandards oder die Gestaltung von Spielplätzen verhandeln, weil wir den Boden selbst verkauft haben. Durch den Wertzuwachs konnten wir auch immer weiteren Grundankauf finanzieren. Ich bin ziemlich oft nachhause gekommen und habe zu meiner Frau gesagt: „Wir haben wieder einen Boden gekauft.“ In Summe sicher an die 100.000 Quadratmeter. Das ist nicht nur Bauland, auch Freihalteflächen zum Tauschen sind da beispielsweise dabei. Wir haben auch teilweise gewidmetes Bauland zurückgewidmet.

Hat die Gemeinde auch als Landwirtschaftsfläche gekauften Grund quasi in Bauland vergoldet?

Nein, weil wir schon früh den Siedlungsrand in Mäder festgelegt haben, daher gab’s nur Bauerwartungsflächen, die zu Bauflächen gewidmet werden konnten. Abgesehen davon hätte ich aber auch kein Problem damit gehabt, Gewinne aus Umwidmungen der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.

Markus Gmeiner
Bei der Quartiersentwicklung wird in Beteiligungsprozessen auch auf innovative Methoden gesetzt. Mit haltbarem Ausgang, denn das Bauland gehört der Gemeinde.

Etwas ganz Anderes: Warum war Mäder die elfte von zehn Pilotgemeinden fürs e5-Programm?

Als Karl-Heinz (Kaspar, e5-Programmgründer, Anm.) von Erich Schwärzler (damals Energielandesrat, Anm.) damit beauftragt wurde, ein Energieaudit für Gemeinden zu entwickeln, hat er mich immer wieder kontaktiert, um Ideen und Ansätze zu diskutieren – ich war damals als Obmann des Umweltverbands so etwas wie der Nachhaltigkeitssprecher der Vorarlberger Gemeinden. Und als das Programm dann fertig war, wurden zehn Pilotgemeinden gesucht. Mäder hat sich etwas geziert, weil der Vorstand gemeint hat, wir machten das ja alles schon. Mir zuliebe wurde die Meinung aber geändert und Karl-Heinz hat noch einen Platz für uns als elfte von zehn Gemeinden geschaffen. Als dann das e5-Programm 2002 zum European Energy Award geworden ist und wir aus Vorarlberg mit seinen 400.000 Einwohnern den Projektpartnern Schweiz mit sieben Millionen, Nordrhein-Westfalen mit 18 und Polen mit knapp 40 Millionen gegenübergesessen sind und die wesentlichen Inputs gebracht haben, war das schon beeindruckend.

Markus Gmeiner
Rainer Siegele mit dem Mäderer e5-Team, einer Drehscheibe der Energie- und Klimaschutzaktivitäten in der Gemeinde. Das mit der Diversität muss der Nachfolger richten. Das Bild entstand übrigens beim Mäderer Sonnenfest, auch eine Idee Siegeles und eigentlich noch einmal eine ganz eigene Geschichte.

Dabei hast du da schon längst am internationalen Parkett getanzt, bei Allianz in den Alpen nämlich.

Der damalige CIPRA-Präsident kam auf mich zu, er wollte zur Alpenschutzkonvention als nationalstaatliche Vereinbarung einen umsetzungsstarken Gegenpol von unten schaffen, von den Gemeinden aus. Denn die Konvention war praktisch tote Materie, die Staaten haben sie beschlossen, waren aber nicht sehr willig, etwas dafür zu tun. Was sich übrigens bis heute nicht geändert hat. Und weil wir als Gemeinde damals schon ziemlich aktiv waren, bin ich auf die Gründungstagung mitgefahren. Da war ich dann plötzlich der österreichische Vertreter, dann Schriftführer und dann irgendwann Präsident des Netzwerks. Gegangen ist es dabei immer darum, möglichst viele Gemeinden zusammen zu bekommen, um die Alpenschutzkonvention umzusetzen.

Hat das Netzwerken auf Gemeindeebene eine besondere Rolle für dich gespielt?

Ich hab‘ immer gesagt: Lieber gut nachgemacht als mühsam selbst erfunden. Und in diesen vielfältigen Netzwerken von e5 über das Klimabündnis bis zu Allianz in den Alpen gab es immer viel zu sehen und zu übernehmen. Wenn ich Vorarlberg so anschaue, denke ich mir: Fast alles, was man hier sieht, ist irgendwo abgekupfert. Aber in dieser Zusammensetzung ist es einzigartig. Was mir immer gut gefallen hat, war der entspannte Zugang der Gemeinden südlich der Alpen. Die sind einfach weniger verkopft als wir und ich hab‘ mir da viel mitgenommen. Deshalb war das ein so spannendes Amt, bis Ende nächsten Jahres bin ich bei Allianz in den Alpen noch im Vorstand.

Apropos Vorstand: Auch im Vorstand des Energieinstitut Vorarlberg warst du fast 30 Jahre lang vertreten. Was gibst du uns mit auf den Weg?

Das wisst ihr selbst am besten. Wenn’s nach mir geht: Die Kernthemen weiter engagiert bearbeiten. Und weiterhin den Boden aufbereiten für die Umsetzung der Energieautonomie.

Fast 30 Jahre lang war Rainer Siegele auch im Energieinstituts-Vorstand vertreten und hat somit unsere Arbeit entscheidend mitgeprägt.

Rund um die Energieautonomie Vorarlberg warst du auch von Anfang an dabei. Kein Gespräch mit dir, ohne danach zu fragen: Was braucht’s, damit wir die Energieautonomie erreichen?

Zum einen wären etwas höhere Energiepreise nicht verkehrt. Sie würden viele Maßnahmen diskussionslos zur Umsetzung bringen. Deshalb halte ich das Subventionieren der Energiepreise auf so ein tiefes Niveau für falsch. Die Preise von 2022 war nur darum problematisch, weil sie viel zu schnell angestiegen sind. Sozial Benachteiligte müssen natürlich gezielt entlastet werden. Aber die Gießkanne braucht es nicht.

Und zum zweiten müssen wir den Verkehr noch mehr weg vom Auto verlagern. Wir brauchen noch attraktivere Öffis. Der Preis ist eh schon ein Wahnsinn. Meine Frau hat schon lange eine Jahreskarte, ich hab‘ mir für nicht einmal 200,- Euro eine Partnerkarte gekauft und fahre jetzt mehr mit Bus und Bahn.

Du hast deiner Frau versprochen, als Bürgermeister nur zwei Perioden zu machen. Offensichtlich hast du dein Versprechen nicht gehalten.

1995 hat mich Wilfried Berchtold angerufen, der war damals Gemeindeverbandspräsident. Da wusste ich schon: Wenn der Feldkircher Bürgermeister zum Mäderer Bürgermeister kommt und sagt, ich muss mit dir reden, dann will er was. Und Berchtold war damals auch Obmann des Umweltverbands und hat mich gefragt, ob ich diese Funktion übernehmen würde. Ich hatte nach dem Wahlkampf mit Stadler (Ewald Stadler, Nationalratsabgeordneter für FPÖ und BZÖ, unterlag Siegele 1995 in der Bürgermeisterwahl, Anm.) eine gewisse Bekanntheit und Umweltthemen lagen uns in Mäder schon damals nah. Und so bin ich zum Umweltverband gekommen.

Und das war dann schon ein Hebel für Nachhaltigkeitsthemen.

Das war zum Bürgermeister ein reizvolles Amt, das stimmt. Wir haben auch gleich einige Dinge angestoßen, als erstes das Abfallthema. Da war der Umweltverband bis dahin dafür zuständig, den Abfall möglichst kostengünstig zu entsorgen. Wir haben dann mit Leitfäden – obwohl ich der Meinung bin, dass man Leitfäden eigentlich mit weichem „d“ schreiben müsste – begonnen, Abfallvermeidung zu thematisieren, also von „End-of-pipe“-Lösungen wegzukommen. Und etwas später folgte dann mit der nachhaltigen öffentlichen Beschaffung der zweite große Wurf.

Auf den man durchaus stolz sein kann.

Ja, das bin ich auch. Auf den Ökologischen Beschaffungsservice und auch auf das Servicepaket „Nachhaltig:Bauen in der Gemeinde“. Mit diesen beiden Angeboten im Umweltverband haben wir nachhaltiges Handeln der Gemeinden vereinfacht und in der Beschaffung und beim Bauen quasi zum Standard gemacht. Da ist in den Gemeinden viel umgesetzt worden und das wäre es ohne diese Hilfestellungen nicht. Ich hoffe, dass beide Angebote auch nach der Umstrukturierung von Umwelt- und Gemeindeverband Bestand haben.

Caroline Begle
Nachhaltiges öffentliches Bauen (hier die Volksschule Rheindorf in Lustenau) ist eines der Steckenpferde Siegeles. Mit dem Servicepaket Nachhaltig:Bauen in der Gemeinde gelang ihm als langjährigem Obmann des Umweltverbandes weit über die Gemeindegrenzen hinaus ein großer Wurf.

Apropos Bestand: Wie geht’s bei dir weiter?

Ich bin in ein paar Vereinen, darunter Obmann vom Verein zur Förderung der Gemeinwohlökonomie. Ich überlege, noch ein bisschen als Missionar für das nachhaltige öffentliche Bauen unterwegs zu sein. Und daheim sammle und verarbeite ich – ganz im Sinne der Wiederverwendung – brauchbare Baumaterialien und helfe Freunden bei einer Gebäudesanierung. Ich bin jetzt halt im Dauersamstagsmodus, denn am Samstag wurde immer „dahoam g’schaffat“!