Bregenz hat Platz gemacht – für die größte Fußgängerzone Vorarlbergs

Verkehrsberuhigung im öffentlichen Raum ist vor allem in zentralen und dicht bebauten Gebieten ein wichtiges Thema. Für eine weitgehend autofreie Innenstadt setzte Bregenz einen mutigen Schritt – und hat per 1. Juli 2022 die Erweiterung der Fußgängerzone verordnet und zieht nach vier Jahren positive Bilanz.

Stadt Bregenz
Per Bürgermeister-Verordnung entstand die erweiterte Fußgängerzone mit nahezu autofreier Innenstadt - die Landeshauptstadt besitzt nun die größte zusammenhängende Fußgängerzone in Vorarlberg.

Mehr Lebensqualität, mehr Sicherheit, das neue Konzept der autofreien Innenstadt habe sich bewährt, so das Fazit der Stadt Bregenz über die neue erweiterte Fußgängerzone. Dafür wurde die Stadt mit dem VCÖ-Mobilitätspreis ausgezeichnet, der unter Motto „Verkehrswende umsetzen“ stand. Nach vier Jahren Fußgängerzone Bregenz zieht die Stadt Bregenz positive Bilanz. Mit dem Projekt wurde die größte zusammenhängende Fußgängerzone für eine autofreie Innenstadt in Vorarlberg geschaffen – die Umsetzung war jedoch nicht ganz konfliktfrei und stieß bei Teilen der Wirtschaft und Anwohner*innen auf Kritik.

Der Entscheidung für eine erweiterte Fußgängerzone in der Bregenzer Innenstadt ging ein längerer Entwicklungsprozess voraus. Ziele waren mehr Verkehrssicherheit, weniger Durchgangsverkehr, eine höhere Aufenthaltsqualität und noch mehr Platz für den Fuß- und Radverkehr. Bereits vor der Erweiterung bestanden in der Innenstadt Fußgänger- und Begegnungszonen, während die umliegende räumlich enge Zufahrtsstraßen gleichzeitig als Einkaufsstraße, Durchfahrt, Lieferzufahrt oder Parkplatzerschließung fungierten. 

Verkehrsberuhigte Innenstadt im Fokus

Laut Verkehrserhebung der Stadtdurchfahrten wurden vor Errichtung der Fußgängerzone in der Rathausstraße zu Spitzenzeiten rund 600 bis 700 Fußgänger*innen sowie 240 Pkw gezählt, in der Anton-Schneider-Straße waren 500 zu Fuß und 240 Pkw pro Stunde unterwegs. In den Jahren 2020 und 2021 wurden dort bereits temporäre Sperren in der Praxis mit Erfolg erprobt. Im Frühjahr 2022 wurde eine Befragung zur Ausweitung der bestehenden Fußgängerzone durchgeführt. Diese ergab 70 Prozent Zustimmung für eine Erweiterung, dabei stimmten 42,5 Prozent der Befragten klar zu und 27,5 % eher zu. In weiterer Folge wurde das Konzept der Verkehrsingenieure Besch und Partner mit mehrfacher Variantenprüfung für eine Kfz-beruhigte Innenstadt umgesetzt.

Begegnungszonen kaum Entlastung

Dabei spielten auch die Erhebungen über die bereits bestehenden Begegnungszonen mit Tempolimit auf 20 km/h in der Rathaus- und Römerstraße eine wesentliche Rolle. Diese haben gezeigt: Der Durchgangsverkehr bleibt auch in Begegnungszonen weitgehend bestehen. Erst die Umwandlung in eine Fußgängerzone brachte die gewünschte Verkehrsentlastung.

Nicht nur positive Resonanz

Die Bregenzer Fußgängerzone ist ein mutiges  Beispiel für eine konsequente Neuverteilung des öffentlichen Raums – sowohl für den motorisierten Individualverkehr als auch den Fuß- und Radverkehr. Das Beispiel zeigt auch: eine Fußgängerzone ist nicht automatisch ein akzeptiertes Erfolgsmodell. So gab es laut Umfragen im August und September 2022 in der Bevölkerung (in Bregenz wohnhaft oder arbeitend) zwar eine breite Akzeptanz für die neue Verkehrssituation und Aufenthaltsqualität in der Innenstadt (bis zu 74 % positiv/eher positiv), aber auch  Kritik insbesondere von den Gewerbetreibenden. 53 Prozent von insgesamt 128 Befragten äußerten sich positiv, 36 Prozent waren negativ eingestellt. 

Gegenwind kam auch von einer Bürgerinitiative mit rund 2.200 Unterschriften von Anrainer*innen und Betrieben. Kritisiert wurden unter anderem die strenge Einfahrtsbeschränkungen, deutliche Mehr- und Umwege aufgrund der fehlenden Durchfahrten, wegfallende Parkplätze – und nicht zuletzt auch die mangelhafte Einbindung der Betroffenen. Zuvor bestehende Begegnungszonen wurden rückgefordert, auch die Richtigkeit der Bürgermeister-Verordnung der Fußgängerzone wurde rechtlich geprüft und letztlich bestätigt.

Lösungen für Problemfelder

Insgesamt hat die Stadt Bregenz zehn Problemfelder eruiert und nachgebessert. Für Taxidienste, Lieferverkehr und Ladetätigkeiten gibt es festgelegte Zeitfenster, für Einsatzfahrzeuge, Apothekenanlieferung sowie mobilitätseingeschränkte Personen Ausnahmeregelungen. Auch die Parkplatzsituation wurde evaluiert. Insgesamt hat sich die Anzahl der Pkw-Parkplatz durch die EInführung der Fußgängerzone und Umsetzung der umliegenden Begegnungszonen um 70 Stellplätze reduziert. Im Umfeld der Innenstadt stehen rund 1.900 Parkplätze zur Verfügung, 410 davon innerhalb vier Minuten, 670 Stellplätze sind circa  sechs Minuten von der Fußgängerzone entfernt.

Energieinstitut Vorarlberg

Akzeptanz und Bilanz nach vier Jahren

Mehr Aufenthaltsqualität und Frequenz auf der einen Seite, Kritik an Zufahrt, Parken und Zustellung auf der anderen. Die Erfahrungen der vergangenen vier Jahre zeigen auch, dass die gemeinsame Nutzung der Fußgängerzone nicht immer konfliktfrei ist. Vor allem beim Rad- und Scooterverkehr kommt es immer wieder zu Beschwerden, wenn das vorgeschriebene Schritttempo nicht eingehalten wird. Die neue erweiterte Fußgängerzone ist zweifelsohne ein mutiger Schritt, die trotz aller Kritik eine große Aufenthaltsqualität bringt. Im Zuge ihrer Einführung wurden auch die angrenzenden Bereiche teilweise umgestaltet und aufgewertet. So wurden beispielsweise am Jahnplatz Bauminseln geschaffen und zusätzliche Fahrradbügel errichtet. Entscheidend wird sein, ob die Innenstadt langfristig ein attraktives Angebot ganzjährig bietet – auch außerhalb der stark frequentierten Touristenzeiten.

Factbox

Die Bregenzer Fußgängerzone wurde bereits in den Jahren 2013 und 2014 um den Kornmarktplatz erweitert. 2022 hat das Büro Besch und Partner nach einer umfassenden Analyse und Entwicklung von Systemvarianten ein Konzept für die Erweiterung der Fußgängerzone sowie Begegnungszonen mit Empfehlung einer Bestvariante erstellt. Diese wurde von der Stadtvertretung im März 2022 beschlossen. Bereits mit 1. Juli 2022 wurde das Projekt umgesetzt und im September mit dem VCÖ-Mobilitätspreis ausgezeichnet.

Die Errichtung einer Fußgängerzone liegt in der Verordnungskompetenz des Bürgermeisters. Die Richtigkeit wurde von der Bezirkshauptmannschaft geprüft und bestätigt. Damit gibt es nun in Bregenz die größte Fußgängerzone Vorarlbergs: Neben der bisherigen Fußgängerzone wurden folgende Straßen zur Fußgängerzone umgewandelt: Rathausstraße, Anton-Schneider-Straße, Kirchstraße, Römerstraße und Maurachgasse zur Fußgängerzone umgewandelt. Die Bergmannstraße, die Nepomukgasse, Kornmarktstraße, Jahnstraße und Neugasse wurden zu Begegnungszonen.