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Exkursion zu zwei Vorreiterprojekten nachhaltigen Bauens in Deutschland

Die Entdeckung: recycelter Beton! Zwei Bauvorhaben in Wangen im deutschen Allgäu waren Ziel einer Exkursion der Partnerbetriebe im Rahmen des grenzüberschreitenden Interreg Projektes RiBa (Recycling in Use): das Vinzenz Areal, Baustelle der Firma Reisch, und die neu errichtete Sport- und Festhalle der Stadt, zwei mustergültige Beispiele nachhaltigen Bauens.

Energieinstitut Vorarlberg
Besichtigung des Vinzenz Areals in Wangen

Innovation: Urban Mining und Einsatz von Recyclingbeton – Abbruchmaterial wird Rohstoff

Das Vinzenz Areal in Wangen entsteht als soziales Wohnquartier derzeit im Bereich des früheren Wangener Seniorenzentrums St.Vinzenz. Für den Neubau von 105 Wohneinheiten für Familien und pflegenahes Wohnen und 14 Mikrowohnungen wurde das vierstöckige Hauptgebäude entkernt und abgerissen. Verantwortungsbewusst mit dem vorhandenen Beton umgehen – das war die Zielsetzung für das Urban Mining-Projekt, mit dem die Georg Reisch GmbH & Co, Bad Saulgau, Einblick in das Leuchtturmprojekt gibt.

Sebastian Geiger aus dem Bereich Forschung und Entwicklung und Johannes Fürst, Bauleiter des Bauvorhabens, sehen es als Innovation in Sachen Betonrecycling und Zwischenziel auf dem Weg zu Cradle to Cradle. Der alte Sichtbeton-Baukörper aus den 70er-Jahren eignet sich hervorragend für die Wiederverwendung in einem stofflichen Recycling. Am neuen Baukörper werden speziell entwickelte Cradle to Cradle Balkone montiert, die in der Zukunft an einen anderen Baukörper umziehen könnten. Durch die Weiternutzung ganzer Bauteile kann auch die für die Produktion aufgebrachte graue Energie gewahrt werden.

„Eine Hürde war es, aus dem Betonbauabfall ein Produkt herzustellen, das den normativen Vorgaben genügt und zweifelsfrei kein Abfall mehr ist“
Johannes Fürst, Bauleiter

Urban Mining ist das Stichwort und war Startschuss für die Verwendung des Baus als Rohstoffdepot. Deshalb ist am Abbruchbagger ein Zusatzgerät angebracht, welches das Material zunächst sortenrein trennt und dann zu 15.000 t Betonbauabfall verarbeitet hat. Proben wurden entnommen und auf chemische Parameter untersucht, die für die Lagerung relevant sind. Über Monate haben LKWs das abgetragene Material zu einer großen Halde nahe des Wangener Bahnhofs gefahren. Dort übernimmt eine mobile Anlage, der „Prallbrecher“, das Zerkleinern des Betons. So entsteht die RC-Körnung mit Betonteilen zwischen 0 und 22 mm, die ausgesiebt und nach Größe sortiert werden und sich damit für den Einsatz im R-Beton qualifiziert.

Erst durch die Beprobung und Erfüllung der entsprechenden Parameter wird das Material zu einem Produkt und verliert damit den Status als Abfall. Auch das Betonwerk befindet sich ganz in der Nähe von Wangen. Hier hat man die Korngrößen von 4 bis 22 mm mit Wasser, Zement, 20 % Natursand und Zusätzen gemischt. Der so entstandene ressourcenschonende Beton, R-Beton, ist in den drei Bauten in Holz-Hybridbauweise auf dem Areal bereits verarbeitet. Kleinere Korngrößen wurden verfüllt und für den sogenannten R-Estrich und als R-Deckenschüttung eingesetzt.

Als Findungsprozess bezeichnen die Entwickler die Versuche mit verschiedenen Zusatzmitteln, damit der Estrich sich letztlich wie ein Estrich mit natürlicher Gesteinsschüttung verarbeiten lässt. Der Anspruch: dabei nicht mehr Wasser zu verbrauchen und nicht mehr CO2-Emissionen zu verursachen. Eine „wunderbare Konsistenz“ war das Ergebnis.

Wo fühlt der Mensch sich am wohlsten?

Holzhybridbauweise: Die Innovation liegt im Vergleich

Die unterschiedlichen Holzbauweisen der drei neuen Gebäude sollen künftig evaluiert werden. Jeweils 4-geschossig und mit je 24 Wohneinheiten, ist Gebäude 1 ab der Tiefgaragenebene, bis auf die tragenden Innenwände und wenige statische Stahlteile, komplett in Holz.
Gebäude 2 kombiniert Holz und Beton. Gebäude 3 hat einen Treppenhauskern und Aufzugschacht aus Stahlbeton, Decken und Wände aus Holz. Die Haustechnik in allen Häusern ist identisch. Der Wohnkomfort soll im Vordergrund stehen. Was das Optimum ist, wird das umfassende Monitoring mit Kennzahlen wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, CO2, Präsenz und Verbrauchswerten zeigen.

Teil der neu errichteten Gebäude sind auch sogenannte C2C-Balkone mit dem Ziel, ohne Abdichtung zu bauen. Als bewusst schlanke Konstruktion enthalten sie Carbonfasern anstelle einer rostenden Bewehrung.

Eine weitere Innovation liegt in den Versorgungsschächten der Gebäude. RETO haben die Entwickler die Doppelinstallationswand genannt, für REisch TOwer. Warum nicht die Installationen für Bad, Gäste-WC und Abstellkammer in einem Schacht bereits im Werk einsetzen, war der Gedanke. Mit der Neuentwicklung geschieht der Einbau des beim Holzbaubetrieb vorgefertigten Towers an der Baustelle vor Ort innerhalb 20 Minuten.

Und von dort, dem Vinzenz Areal, sind es nur wenige Minuten zum zweiten Leitprojekt nachhaltigen Bauens, das kurz vor seiner Fertigstellung besichtigt werden konnte. Pünktlich zur Landesgartenschau 2024 soll sich die neue Sport- und Festhalle Wangen, eine Holzkonstruktion mit aussteifenden Bauteilen, ebenfalls aus Recyclingbeton, mit Gründach, Nisthilfen und PV-Anlage präsentieren.

Erster Eindruck in der Sport- und Festhalle: Es riecht gar nicht nach neu

Holz dominiert, wenn man sich dem Gebäude von außen nähert. Die neue Halle, ein Holzhybridbau mit einem Betonkern für das Treppenhaus ist für den Auftraggeber das erste Bauvorhaben des Landkreises Ravensburg, das den LNB-Leitfaden „Nachhaltig Bauen“ umsetzt.
Ökologische und ressourcenschonender Standards wurden im gesamten Prozess vom Wettbewerb, der Planung bis zur Bauphase beachtet. Als „sportliches Ziel“ bezeichnet Projektleiter Hubertus Buck die Durchführung dieses Pilotprojekts in nur zwei Jahren, beginnend vom europaweit ausgeschriebenen Wettbewerb bis zur Übergabe an die Nutzer.
Dafür wurde der „LNB-Leitfaden Nachhaltig Bauen“ – ausgehend vom Kommunalgebäudeausweis Vorarlberg (KGA) – auf deutsche Normen adaptiert, wie Dietmar Lenz von der AnBau - Agentur für nachhaltiges Bauen, in Lindau, berichtet. Zum Einsatz kamen zu 100 % Recycling-Bauteile aus Beton.  

Im Rahmen des Produktmanagements werden die Handwerker aufgefordert, für alle Produkte die Einhaltung der ökologischen Kriterien nachzuweisen und die Produkte zu deklarieren. Diese werden dann auf Konformität geprüft. Auf der Baustelle prüft eine ökologische Fachbauaufsicht die Umsetzung.

Trotz Recycling-Beton: „Wir haben auf Kosmetik verzichtet“

"Obwohl nicht in Sichtbeton ausgeschrieben war, haben wir fast diese Qualität", stellt Hubertus Buck vom Eigenbetrieb IKP (Immobilien, Krankenhäuser und Pflegeschule) des Landkreises fest. „Der Beton darf seine Macken haben, so wie wir auch unsere Macken haben.“ Die Träger bestehen aus Fichtenholz, mit eingelassenen Beleuchtungskörpern.

Möglichst effizient, möglichst kompakt, möglichst wenig Kubatur, benennt Hubertus Buck die „nachhaltig höchsten Hebel“ und Maßgabe für die Halle, die als 3-Feld-Turnhalle, Veranstaltungshalle für die Bürger und verbindendes Element für zwei angrenzende Schulen dienen wird, die hier in Zukunft auch ihre Cafeteria haben. Geplant wurde die neue Sport- und Festhalle von Steimle Architekten BDA aus Stuttgart / Überlingen.

Die teilnehmenden Partnerbetriebe und Fachleute zeigten sich beeindruckt von den Innovationen bei diesen beiden Baustellen und konnten viel Lehrreiches für ihre Arbeit mitnehmen:

 „Der Begriff „urban mining“ macht das ganze Thema für mich knackig. Cool, dass es geglückt ist, quasi Vorort abzubrechen, urban zu minen, gewonnenes Material prüfen zu lassen und gleich wieder einzubauen. Wenn wir Bauschaffende erst etwas Routine haben, wird das wie geschmiert laufen. Wir dürfen uns berechtigt Hoffnung machen, dass mit schlauen Köpfen und willigen Händen, auch unsere Braubranche richtig gute Arbeit in Sache Umweltschutz erbringen wird. Danke fürs Organisieren dieser Schulung.“
Architektin Andrea Vogel-Sonderegger vom Partnerbetrieb sonderegger-thonhauser

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Diese Veranstaltung wurde im Interreg Projekt Bayern Österreich „Recyling im Bau anwenden (RiBa)“ durchgeführt.

Text: Jutta Metzler, www.bessere-texte.de