Die Erzeugung des „eigenen Stroms“ auf dem Dach wird immer beliebter. Doch wie sieht es in unseren Breiten tatsächlich mit der möglichen Abdeckung des Eigenbedarfs aus? Sind Stromspeicher die Zukunft? Und wie wirken sich diese Entwicklungen – von der Zunahme der Elektromobilität bis zu Smart Grid Lösungen – auf unser Stromnetz aus?

Mit diesen Fragestellungen beschäftigten sich die Partnerbetriebe Traumhaus Althaus und Energieberater des Energieinstitut beim 2. Sanierungsforum in diesem Jahr. Gastgeber war dieses Mal die Mitgliedsfirma Inhaus, die ihren Energiepark für die Veranstaltung passenderweise zur Verfügung stellte. Vier Impulsreferenten bildeten einen Abriss über die Thematik, im Anschluss wurde ausgiebig diskutiert und sich ausgetauscht.

Auf den Punkt gebracht:

  • Rahmenbedingungen – Zukunftsentwicklungen
    (Reinhard Nenning, Vorarlberger Energienetze GmbH)
     Zum PV-Thema ist mittlerweile hinreichend Wissen vorhanden und die Elektriker sind flächendeckend geschult. Gesetzliche Neuregelungen zur leichteren Umsetzung – vor allem von Gemeinschaftsanlagen – sind gerade in der Ökostromnovelle beschlossen worden. Die Stromspeicherung im Privatbereich ist aus Netzsicht nur/vor allem dann sinnvoll, wenn Spitzen aus dem Netz genommen werden („netzdienlicher Betrieb“) z.B. ein 10 kWh Speicher mit einer Ladeleistungsbegrenzung von 5 KW. Denn das Hauptproblem im Verteilernetzt ist die Spannungsanpassung (Bsp. Sonntag Nachmittag, wenn es viel Sonne gibt, der Bedarf aber sehr gering ist).
    Eine weitere Herausforderung ist die  Winterstromlücke von November bis Februar (kein PV-Strom, wenig Wasser) – das Netz muss auf den kältesten Wintertag ausgelegt sein und funktionieren. Im Sommer haben wir mehr als genug Strom, im Winter zu wenig. Die langfristige Stromspeicherung ist also das nächste große Thema. 
  • Erfahrungsbericht zur Eigenstromnutzung Kindergarten Muntlix
    (Thomas Roßkopf, Energieinstitut Vorarlberg)
    Eine Simulation hat aufgezeigt, dass sich der Ertrag durch eine West-Ost-Ausrichtung der PV Anlage auf dem Flachdach wesentlich erhöhen lässt (über 30 % Mehrertrag gegenüber Süd-Orientierung); dies wurde durch die Praxis bestätigt. Des Weiteren zeigte sich, dass möglichst alle elektrischen Verbraucher am selben Zählpunkt wie die PV-Anlage angeschlossen sein sollen – dadurch lässt sich der Eigennutzen optimieren. Der Eigennutzungsgrad konnte durch den Anschluss des Gemeindeamtes von 32 % auf 40 % optimiert werden.
  • Erfahrungsbericht Stromspeichereinbindung in einem Einfamilienhaus
    (Dietmar Staudacher, Fronius)
    Eine Kurzzeitspeicherungvon Strom ist mittlerweile sehr gut möglich, auch wenn die Anschaffung eines Speichers (noch nicht) wirtschaftlich ist. Bei diesem Fallbeispiel mit sehr hohem Stromverbrauch konnte ein Autarkiegrad von immerhin 57 % erreicht werden. Der Strombezug aus dem Netzt reduzierte sich durch den Speicher von 10.300 kWh auf 3.058 kWh, wobei der Verbrauch alleine durch den bewusteren Umgang mit dem Thema Strom um gut 30 % gesenkt werden konnte.
  • Infrarotpaneele – Fluch oder Segen: Eine Stellungnahme
    (Wilhelm Schlader, Energieinstitut Vorarlberg)
    Eine Infrarotheizung ist eine elektr. Widerstandsheizung, also eine Stromdirektheizung. Ihr Anteil an Strahlungswärme ist entgegen gängiger Argumente vergleichbar mit dem anderer Heizungssysteme (z.B. Fußboden- und Wandheizung). Verlockend sind der geringe Anschaffungspreis, eine schnelle Installation und praktisch keine Wartung. Jedoch sind die Betriebskosten und der CO2-Fußabdruck deutlich höher und müssen dem gegenüber gestellt werden. Problematisch ist, dass Strom vermehrt zu einer Zeit bezogen wird, in der die heimische Produktion, hauptsächlich durch Wasserkraft, am geringsten ist (Winterstromlücke). Der benötigte Strom kann durch eine eigene PV-Anlage nur zu einem sehr geringen Teil gedeckt werden (siehe Grafik). Der rechtlich erlaubte Einsatz ist deswegen in der Vlbg. Bautechnikverordnung und in der OIB-Richtlinie 6 genau geregelt und an strenge Anforderungen geknüpft. Sinnvoll ist der Einsatz nur in Ausnahmefällen. Mehr dazu im Faktencheck Infrarotheizung.
    Faktencheck Infrarotheizung 2017_ws
  • SUSI – die neue Strom-Unabhängigkeits-Simulation
    (Thomas Roßkopf, Energieinstitut Vorarlberg)
    Das im Energieinstitut entwickelte Tool steht ab sofort frei zur Verfügung und hilft bei der Abschätzung des Eigenverbrauchs aus der PV-Anlage, bei der Frage, ob ein Speicher sich lohnt sowie bei der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung der PV-Anlagen allgemein.

Fazit:
Die Eigenstromnutzung aus PV-Anlagen kann durch verschiedene Maßnahmen optimiert werden, jedoch bleibt stets die Diskrepanz zwischen Produktions- und Verbrauchszeitpunkt bestehen. Vor allem in der Jahresbilanz wird die Überproduktion im Sommer und das Defizit im Winter klar sichtbar. Die große Herausforderung in unseren Breiten stellt also die Speicherung des Sommerüberschusses für die Wintermonate dar. Dazu braucht es vermehrte Anstrengungen im Bereich der Langzeit-Speicherung. Der Einsatz von Speichern im Privatbereich kann nur die Eigenverbrauchsquote bei Überschussproduktion (v.a. im Sommer) verbessern, hat aber keine nennenswert positive Auswirkung auf das Stromdefizit im Winter.

Stimmen:
2017_04_27_PB 2. Sanierungsforum_Reinhard Nenning
“Aus Sicht des Stromnetzes ist die Batteriespeicherung von PV-Strom nur dann zweckmäßig, wenn damit im Sinne eines netzdienlichen Betriebs die Spitzen aus dem Netz genommen werden.” Reinhard Nenning, Vorarlberger Energienetzte GmbH

ws
“Eine Infrarotheizung bleibt – bei aller technischer Optimierung – eine Stromdirektheizung. Dieses Heizsystem verstärkt die Problematik der  Winterstromlücke, die wir in Vorarlberg durch die Wasserkraft nun mal haben.” Wilhelm Schlader, Energieinstitut Vorarlberg

tr
“Die Praxis zeigt, dass die Produktion von PV-Strom und der Strombedarf sich in unseren Breiten auf das Jahr betrachtet nicht decken.” Thomas Roßkopf, Energieinstitut Vorarlberg


Wolfgang Mathis

“Die Ausrichtung und Platzierung (Sprichwort Verschattung) hat eine nicht zu vernachlässigende Auswirkung auf die Effizienz der Anlagen. Das zeigt auch das Beispiel Kindergarten Muntlix mit seiner Ost-West ausgerichteten Anlage deutlich.” Wolfgang Mathis, Müller Bau

 

 

Diese Veranstaltung wird im Zuge von GreenSan durchgeführt. GreenSan ist ein Projekt von Energieinstitut Vorarlberg, Energie- und Umweltzentrum Allgäu (eza!), Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA), Energieagentur Ravensburg, Energieagentur St. Gallen und der baubook gmbh. Es wird gefördert von der Europäischen Union im Rahmen von Interreg Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein und der Energieautonomie Vorarlberg.

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Zuletzt aktualisiert am 19. Oktober 2017