Wie kann der zukünftige Energieverbrauch zutreffend prognostiziert werden?
Zuverlässige Prognosen des Energieverbrauchs sind die Grundlage für realistische Wirtschaftlichkeitsberechnungen.
Ein häufiger Kritikpunkt am energieeffizienten Bauen und Sanieren lautet, dass sich der reale Verbrauch von Gebäuden in Energiebedarfsberechnungen nicht zuverlässig voraussagen lasse. Was sind die Gründe für Abweichungen zwischen berechnetem und tatsächlichem Verbrauch und welche Randbedingungen werden für realistische Verbrauchsprognoseberechnungen empfohlen?
Warum Verbrauchsprognosen wichtig sind
Zuverlässige Verbrauchsprognosen sind eine zentrale Grundlage für belastbare Wirtschaftlichkeitsberechnungen im Gebäudebereich. Entscheidend ist dabei nicht allein der normativ berechnete Energiebedarf, sondern vielmehr der tatsächlich zu erwartende Energieverbrauch des Gebäudes im Betrieb. Dieser lässt sich gut abschätzen, wenn das durchschnittliche Nutzerverhalten realistisch angenommen wird.
Typische Abweichungen in der Praxis
Ein Blick auf reale Gebäudedaten zeigt wiederkehrende Zusammenhänge: Unsanierte Gebäude verbrauchen oft weniger Energie als berechnet, während effiziente Neubauten und Sanierungen häufig mehr als prognostiziert verbrauchen. Der Hauptgrund liegt in der tatsächlichen Nutzung: In schlecht gedämmten Gebäuden wird oft weniger geheizt als angenommen, während in effizienten Gebäuden höhere Komforttemperaturen gewählt werden. Neben der Raumtemperatur gibt es noch einige weitere Faktoren, die sich stark auf den Verbrauch auwirken und in Prognosen berücksichtigt werden sollten:
Zentrale Einflussfaktoren auf den Energieverbrauch
- Raumtemperatur: größter Einflussfaktor, vor allem im Altbau
- Lüftungsverhalten: Erhöhter Verbrauch durch gekippte oder dauerhaft geöffnete Fenster
- Personenanzahl: beeinflusst insbesondere den Warmwasserbedarf
Die folgende Tabelle fasst die Bedeutung der verschiedenen Einflussgrößen auf den realen Verbrauch als „Daumenregeln“ zusammen. Dabei wird deutlich, dass die Auswirkung einiger Einflussgrößen auf den Endenergiebedarf stark vom energetischen Standard des Gebäudes abhängt.
Empfehlungen für realitätsnahe Randbedingungen jenseits der Norm
Für Verbrauchsprognosen empfiehlt es sich erfahrungsgemäß, einige Randbedingungen von den Normwerten abweichend festzulegen. Sind die tatsächlichen Energieverbräuche für Raumheizung und Warmwasser eines unsanierten Bestandsgebäudes bekannt, können diese natürlich für die Status-Quo-Berechnung genutzt werden.
Mittlere Raumtemperatur:
Die mittlere Raumlufttemperatur in unsanierten oder teilsanierten Wohngebäuden lässt sich über die spezifischen Transmissionswärmeverluste* pro Wohnfläche abschätzen: Je höher diese sind, desto niedriger die durchschnittliche Raumtemperatur.

Warmwasserbedarf pro Person:
Auswertungen zeigen einen mittleren Warmwasserverbrauch von gut 24 Litern pro Person und Tag bei 60 °C – der PHPP-Defaultwert von 25 Litern passt damit gut. Für Wirtschaftlichkeitsberechnungen wird dennoch ein etwas höherer Ansatz empfohlen, da die Wärmeverteilverluste in der Praxis oft höher ausfallen als berechnet.
Vorschlag für die Verbrauchsprognose:
25–32 Liter pro Person und Tag (bei 60 °C)
Verschattung im Winter (Reduktion der solaren Gewinne):
Untersuchungen zeigen, dass bewegliche Verschattungseinrichtungen in Mehrwohnungshäusern auch im Winter spürbar genutzt werden. In der Praxis wurden mittlere Verschattungsfaktoren von etwa 0,82 bis 0,84 ermittelt; ein Faktor von 0,90 entspricht einer Reduktion des Strahlungsangebots in der Heizperiode um 10 %.
Vorschlag für die Verbrauchsprognose:
Verschattungsfaktor Winter (für alle Fenster) von 0,80 bis 0,90
Fensterlüftung:
Auch in Gebäuden mit Abluftanlagen oder Komfortlüftungen mit Wärmerückgewinnung wird im Winter zusätzlich über die Fenster gelüftet. Dieser schwer abschätzbare Zusatzluftstrom sollte in den Energieverbrauchsprognosen berücksichtigt werden.
Vorschlag für die Verbrauchsprognose:
zusätzlicher Luftvolumenstrom von 0,03 h-1 bis 0,05 h-1
Haushaltsstrom:
Der Haushaltsstrom wird in PHPP mit einem gut hergeleiteten Rechenverfahren abgeschätzt. Die Hauptverbraucher sind voreingestellt und können modifiziert werden. Zusätzlich sollten Elektronik und sonstige Kleinverbraucher eingegeben werden.
Vorschlag für die Verbrauchsprognose:
22-24 kWh/(m²EBFa)
Allgemeinstrom:
Der Strombedarf für Lift, Beleuchtung (Allgemeinbereiche, Keller, Tiefgarage) hängt stark davon ab, ob eine Tiefgarage vorhanden ist und mit welchem Beleuchtungssystem diese beleuchtet wird.
Vorschlag für Verbrauchsprognose:
3-4 kWh/(m²EBF a)
Fazit
Eine präzise Verbrauchsprognose ist möglich, wenn die Annahmen ein realistisches durchschnittliches Nutzerverhalten berücksichtigen. Dieses lässt sich vor allem bei Mehrwohnungshäusern gut abbilden, da sich individuelle Unterschiede statistisch ausgleichen.
