Live im Betrieb beim Anergienetz GSG in St. Gallen

Durch den Willen und das Durchhaltevermögen der St. Galler Stadtwerke ist das Industriegebiet entlang der Schweizer Autobahn A1 für die Energiezukunft gerüstet. Live im Betrieb informierten sich die Teilnehmenden vor Ort.

Großes entsteht, wenn man groß denkt. Und niemals aufgibt!

Unter diesem Motto könnte die Entstehungsgeschichte vom Energienetz GSG stehen. Durch den Willen und das Durchhaltevermögen der St. Galler Stadtwerke ist das Industriegebiet entlang der Autobahn A1 zwischen Gossau und St. Gallen mit einer Ost-West Ausdehnung von ca. 5 km für die Energiezukunft gerüstet:

  • die Abwärme der Betriebe auf dem Areal wird mittels Anergienetz bis in die Wohngebiete von Gossau und St. Gallen transportiert.
  • jeder Anwohner an der Strecke – egal ob Betrieb, Büro, Wohnnutzung – kann dadurch CO– frei heizen und kühlen.
  • jeder Betrieb an der Strecke kann seine Abwärme in das Anergienetz einspeisen und wird dadurch gekühlt.

Die Teilnehmenden von Live im Betrieb informierten sich vor Ort bei der City Garage in St. Gallen über das Anergienetz GSG.

 

Langer Atem ist notwendig, aber das Ergebnis ist es wert

Im Jahr 2012 wurde von der Stadt St. Gallen für das ganze Gebiet ein Energiemasterplan entwickelt. Dieser Plan gab die Antworten vor, wie die einzelnen Viertel im Jahr 2050 mit Energie versorgt werden sollen. Für das Gebiet zwischen St. Gallen-West und Gossau-Ost wurde die enorme Menge an Abwärme als Potential erkannt und beschlossen, dieses zur Nutzung zu bringen.

Luftbild vom Anergieareal (© GSG AG)

Das war der Startschuss für die Stadtwerke St. Gallen.

Für GSG Geschäftsführer Simon Schoch stand fest: „Wenn die meisten Heizungen nur 30°C Vorlauftemperatur benötigen, dann darf dafür nicht hochwertiges Holz verheizt werden. Denn Holz wird dringend zur Substitution von Öl und Gas dort gebraucht, wo ein Industrieprozess 800°C Temperatur benötigt.“

Die hochwertigen Energieträger wie Holz, Öl, Gas sollen nur dort eingesetzt werden, wo man davon abhängig ist. Ressourcen dürfen nur dort eingesetzt werden, wo man nicht anders kann. Daraus folgt, dass Abwärme bedingungslos genutzt werden muss.

Sechs Jahre investierte Schoch in Networking, Knowhow-Transfer und Vertrauensaufbau mit den 30 bestehenden Betrieben und Anwohnern des Areals. Endlich 2018, erfolgte die Gründung der Betreiberfirma energienetz GSG mit vier Eigentümern: Stadtwerke St. Gallen, Gemeinde Gaiserwald und die Städte St. Gallen und Gossau. Bereits Ende 2019 war das Anergienetz gebaut und ging mit zwei Teilnehmenden in Betrieb.

Die Leitungen die heute verlegt werden, erfüllen dabei bereits die Anforderungen für den Endausbau laut Masterplan in 2050. Heute noch völlig überdimensioniert, werden sie mit jedem Netzausbau ihr Potential vermehrt ausschöpfen.

Klein starten, dann groß wachsen lassen

Um ein Anergienetz beginnen zu können sind zunächst zwei Teilnehmende notwendig: ein Wärmelieferant – dieser wurde mit dem Schlachtbetrieb Ernst Sutter und dessen Abwärme aus der Kälteanlage gefunden. Und ein Wärmekunde–  dieser wurde mit der City Garage identifiziert, wo gleichzeitig Heizen und Kühlen notwendig sind.

Oscar Kaufmann, Geschäftsführer der City Garage ist begeistert.
„Es wurde in mehreren Analysen keine geeignete Technologie gefunden, um unser Gebäude kühlen zu können. Als das Anergienetz uns die Kühlung ermöglichte, war es klar, dass wir uns anschließen würden. Heute haben wir immer perfekte Temperaturen im Gebäude, egal ob Winter oder Sommer.“

Dafür war es zunächst notwendig höhere Kosten fürs Heizen in Kauf zu nehmen. Der Wärmepreis im Anergienetz lag 2 Rappen pro kWh über dem Gasheizungspreis. Das waren damals etwa 15% Mehrkosten. Man gewinnt aber zwei entscheidende Vorteile:

  1. man kann als Teilnehmer eines Anergienetzes neben Heizen auch Kühlen
  2. sollten sich Gas- und Strompreise erhöhen, schlägt deren Preiserhöhung nur zu einem Viertel auf den Kunden durch.

Dass der Anergienetzbetreiber für die Einbindung der City Garage ins Anergienetz seinen Heizraum umbauen musste, ist für Kaufmann kein Problem. „Die Stadtwerke sind ein hoch professioneller Partner, die wissen was sie tun. Unsere Heizung und Kühlung ist jetzt sogar fernüberwacht und wird repariert, bevor wir selber eine Störung überhaupt bemerken. Was Besseres gibt es gar nicht.“

Wärmevernetzung ist lokale Wertschöpfung

Die technische Projektentwicklung wurde den Teilnehmern von Live im Betrieb von Mathias Kolb, Geschäftsführer von Anex Ingenieure näher gebraucht. Er bringt einen völlig neuen Aspekt in die Diskussion ein.

„Statt unser Geld für Öl und Gas ins Ausland zu schicken, können wir hier vor Ort lokale Wertschöpfung betreiben. Planung, Bau, Betrieb, Wartung und der Energieaustausch erfolgt durch lokale Betriebe. Damit zirkuliert das Geld in unserer Region und fließt nicht in fragwürdige Länder ab.“ so Mathias Kolb, Anex Ingenieure.

Kolb spricht noch einen heiklen Punkt an: da viele Öl- und Gasheizungen durch Wärmepumpen ersetzt werden, wird unser Stromverbrauch im Winter deutlich steigen. Gerade im Winter jedoch gibt es wenig Ökostrom aus Wasserkraft, usw. Diese Unterdeckung mit Ökostrom im Winter muss konsequent die kommenden Jahrzehnte kompensiert werden. Der Ausbau von Photovoltaik und Windkraft für den Winter wird enorm wichtig werden. Nicht zu vergessen ist die Möglichkeit, mit Biomasse BHKWs im Winter Strom und Wärme aus Hackschnitzeln machen zu können.

Mit der galoppierenden Strom- und Gaspreiseerhöhung seit Jänner 2022 lachen sich die momentanen fünf Wärmekunden nun ins Fäustchen: Sie spüren die Preiserhöhung kaum.

Gerade eben wurde der weitere Netzausbau genehmigt. Die Trasse wird nun Richtung Fussballstadion und IKEA verlängert. Auf dem Weg dort hin kann nochmals ein Wärmeeinspeiser angeschlossen werden, sodass für neue Wärmekunden genügend Potential vorhanden ist. Durch die weltweiten Preiserhöhungen ist der Wärmepreis im Anergieareal jetzt voll konkurrenzfähig mit anderen Heizmethoden.

CO2-Bilanz sinkt um über 95%

Durch die Wärme- und Kältevernetzung der Nachbarn mittels Anergienetz, wird in Punkto CO2 ein unglaublicher Erfolg eingefahren: Nur die Abwärmelieferanten kaufen im gewohnten Umfang Energie ein. Nur sie stoßen CO2 im gewohnten Umfang aus.

Ihre Abwärme jedoch wird von den angeschlossenen Nachbarn zur Beheizung genutzt – und diese ist CO2 frei! Wenn dann noch alle verwendeten Wärmepumpen und Kühlmaschinen mit Ökostrom betrieben werden, sinkt der CO2 Ausstoß des gesamten verbundenen Areals dramatisch – beispielsweise wie im Energienetz GSG um über 95%.

So geht die Energie- und Klimawende!

 

Die Veranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit e5-Vorort organisiert.

Zuletzt aktualisiert am 2. Juni 2022